Gubrist
Langes Warten auf eine Antwort

Im Gegensatz zur Stadtzürcher Bevölkerung wurden die Einwohner des Limmattals nicht darüber aufgeklärt, welche Folgen die Eröffnung der Westumfahrung auf ihr Leben hat. Warum eigentlich nicht? Offenbar wollen weder der Kanton noch das Bundesamt für Strassen dafür verantwortlich sein.

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Schweiz am Sonntag

Von Jürg Krebs

Wie viele Fahrzeuge quetschen sich seit der Eröffnung der Westumfahrung zusätzlich durch das nationale Nadelöhr Nummer eins - den Gubristtunnel zwischen Weiningen und Zürich Affoltern? Diese Frage interessiert das Limmattal brennend, seit am 4. Mai 2009 die Westumfahrung dem Verkehr übergeben worden ist. Eine konkrete Antwort darauf ist partout nicht zu erhalten: Weder das Bundesamt für Strassen, noch die kantonale Volkswirtschaftsdirektion Amt für Verkehr, noch die kantonale Baudirektion Abteilung Verkehrsdaten und Statistik können auf Anfrage Auskunft geben. Das Problem ist nicht die Verfügbarkeit, denn die Daten werden erhoben, wie der Kommunikationsbeauftragte des Amts für Verkehr, Anselm Schwyn, bestätigt.

Dabei ist die Antwort auf die Frage nach dem Verkehrsaufkommen auf der Autobahn rund um den Gubristtunnel von grosser Bedeutung für das Limmattal. Über 70 000 Menschen im Bezirk Dietikon haben grosses Interesse, zu erfahren, welche Folgen die neue Nationalstrasse auf ihrem Lebensraum hat. Die Limmattaler wurden nämlich sei Jahren von verschiedener Seite gewarnt, dass sie nach der Eröffnung der Westumfahrung bis zur Eröffnung des Gubristtunnels Mehrverkehr zu ertragen haben. Doch wie viel ist denn nun konkret Mehrverkehr?

Mehrere Anfragen dieser Zeitung beim Astra und beim Kanton nach aktuellen Verkehrszahlen blieben erfolglos. Schliesslich wurde vor zwei Wochen auf die Medienkonferenz von Stadt und Kanton Zürich vom letzten Dienstag verwiesen. Dort seien Zahlen zum Verkehrsaufkommen erhältlich. Das stimmte für den neuen Üetlibergtunnel (40 000 Fahrzeuge täglich) und die Strassen in der Stadt Zürich, doch nicht für den Gubristtunnel. Dabei sind deren Verkehrsaufkommen miteinander verknüpft. Hat es an einem Ort weniger, hat es am anderen mehr.

Ein weiterer Versuch, die Zahlen zu erhalten, verkam letzten Mittwoch und Donnerstag zum Instanzenmarathon: Telefonanruf beim Amt für Verkehr des Kantons Zürich. Die Frage: Wie viel zusätzlicher Verkehr belastet den Gubristtunnel seit der Eröffnung der Westumfahrung? Die Antwort: Für die Nationalstrassen sei seit dem 1. Januar 2008 das Astra zuständig.

Bei der Astra-Filiale in Winterthur heisst es, für die Erhebung der Daten sei das Amt für Verkehr zuständig. Dort verweist man bei der zweiten Anfrage aus Goodwill an das Baudepartement Abteilung Verkehrsdaten und Statistik. Dieses schiebt die Verantwortung nach einem ersten unbefriedigenden Versuch, Daten aufzutreiben, wieder an das Astra in Winterthur ab. Die Zählstelle sei in den Besitz des Astra übergegangen. Deren Abteilung Monitoring verlautet schliesslich, dass die Daten der Monate April, Mai, Juni noch nicht veröffentlicht werden könnten. Die Publikation der Gubrist-Daten müsse gleichzeitig mit jenen aller anderen Zählstationen in der Schweiz erfolgen und würden im Internet veröffentlicht - vermutlich Mitte August. Ungefähr. Abbruch der Übung. Es bleibt die Frage: Warum sind Daten für die Stadt Zürich vorhanden, nicht aber für das Limmattal?

Das Fehlen der statistischen Werte findet der Dietiker Kantonsrat Josef Wiederkehr stossend: «Die Zahlen müssten endlich auf den Tisch.» Er will Klarheit über den Regierungsrat erhalten und überlegt sich, im Kantonsrat einen Vorstoss einzureichen.

Immerhin, beim Zürcher Amt für Verkehr ist eine Wertung der Situation erhältlich. «200 Tage pro Jahr herrscht vor dem Gubristtunnel Stau, das ist praktisch an jedem Werktag», sagt der Kommunikationsbeauftragte Anselm Schwyn. Und: Seit der Eröffnung der Westumfahrung habe die zeitliche Staulänge am Gubrist zugenommen. Und schliesslich: Mehr Fahrzeuge als bisher (knapp 100 000 Fahrzeuge) könnten aus Kapazitätsgründen nicht durch die Röhre fahren.

Und genau das ist das Problem. Die Prognosen gehen davon aus, dass 2025 die Zahl der Fahrzeuge auf der Nordumfahrung Zürich auf 125 000 pro Tag ansteigen dürfte. Limmattaler Behörden machen deshalb seit geraumer Zeit Druck: Druck auf das für den Gubrist-Ausbau verantwortliche Uvek, das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation, und das ausführende Bundesamt für Strassen, Astra, dass das Projekt schnell vorankommt und die Verkehrsbelastung im Limmattal reduziert werden kann. Auch der Zürcher Regierungsrat solle sich fürs Limmattal starkmachen, forderten die lokalen Politiker im letzten September im Kantonsrat. Der Ausbau des Gubristtunnels wurde vom Bundesrat im September 2007 genehmigt. Gerade ist die Auflagefrist für das Projekt abgeschlossen worden. Es hagelte Einsprachen. Mit Verzögerungen ist zu rechnen.

Damit wird klar: Nicht nur die Projektvorbereitung schleppte sich über viele Jahre dahin. Auch das Datum der Eröffnung des neuen Tunnels könnte zeitlich nach hinten rutschen. War einst von 2015 die Rede, geht die Projektauflage vom Herbst 2008 von 2016 aus. Bereits kursiert aber das Jahr 2017 als Zeitpunkt der Inbetriebnahme der dritten Röhre. Dies verleitete den Präsidenten der Zürcher Planungsgruppe Limmattal, Willy Haderer, diese Woche zur ironischen Feststellung: «Vielleicht wird die Limmattalbahn ja noch vor dem Gubrist-Ausbau Realität.» Deren erste Etappe soll 2019 eröffnet werden.

Bereits heute verlagert sich der Ver-kehr in die Limmattaler Ortschaften. Während das über Jahrzehnte staugeplagte Birmensdorf seit der Eröffnung der Westumfahrung aufatmet, ist Weiningen nun hauptsächlich betroffen. Gemeindepräsident Hanspeter Haug sagt: Der Ausweichverkehr habe stark zugenommen. Besonders schlimm sei es, wenn auf der Autobahn noch ein Unfall hinzukomme. Verlässliche Zahlen habe er nicht, er müsse sich auf seine Beobachtungen stützen.

Wie sagte doch Anselm Schwyn Mitte Mai, als diese Zeitung ein erstes Mal (vergeblich) nach Zahlen fragte? «Beobachtungen sind gefährlich.» Umso erstaunlicher und ärgerlicher ist es, dass zwei Monate nach der Eröffnung der Westumfahrung noch immer keine konkreten Angaben zu erhalten sind.

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