Wynigen

Laienhelfer kommen gross raus

Wettkampfbereit: Uschi Rychard und Ursula Hofer haben ihre Einsatzrucksäcke für Deutschland gepackt. (Bild: Maddalena Tomazzoli Huber)

Samariter

Wettkampfbereit: Uschi Rychard und Ursula Hofer haben ihre Einsatzrucksäcke für Deutschland gepackt. (Bild: Maddalena Tomazzoli Huber)

Der Schweizermeistertitel war für Wynigens Samariter eine faustdicke Überraschung. Vor ihrer grössten Herausforderung stehen sie aber erst noch.

Julian Perrenoud

Gesichtsmasken, Handschuhe, Alufolien, Scheren und Verbände. Sechs Rucksäcke stehen in der Wyniger Zivilschutzanlage bereit. Mit dem Inhalt lassen sich - medizinisch gesehen - keine grossen Sprünge machen. Mehr darf das Samariterteam an die Europameisterschaft in Oldenburg (DE) aber nicht mitnehmen. Ach ja, nicht zu vergessen die roten Helme, mit Schweizerkreuzen und Vornamen versehen: Ursula, Uschi, Hedy, Sylvia, Andrea und Evi. Sie sollen es für den Schweizerischen Samariterbund (SSB) richten. Sie sollen ähnlich überraschen, wie an der letztjährigen Schweizermeisterschaft. Gerechnet mit dem Titel für die Wyniger hat dort niemand. Am wenigsten das Team «Wyno» selber.

Wettkampfsprache ist Englisch

Dieser Erfolg sei hoch einzustufen, sagt Vereinspräsidentin Ursula Hofer heute. «Wir sind ja alles nur Laienhelfer.» Andere Teams hätten früher Instruktoren und technische Leiter gestellt. An der EM warten auf die sechs Samariterinnen aus Wynigen und Rüedisbach grössere Kaliber: 30 Länder nehmen teil. Zwölf Stunden dauert der Parcours am 4. Juli. 14 Posten. Nur je zehn Minuten Zeit. «Wir haben null Ahnung, was uns erwartet», sagt Hofer. Bloss, dass verschiedene Unfallbeispiele simuliert werden. Überraschungen, so verriet ihnen der Schweizer Vorjahresteilnehmer Roggwil, soll es einige geben. Schiedsrichter beurteilen jedes einzelne Teammitglied - alles auf englisch.

Englisch. Ursula Hofer ist diesbezüglich wirklich ein Laie. Auf kleinen Kärtchen hat sie nun die wichtigsten medizinischen Ausdrücke notiert. Sie muss lachen: «Ich übe wie zu Schulzeiten.» Kassierin Uschi Rychard spricht bereits etwas Englisch. Sylvia Neuhaus lebte drei Jahre in Kanada. Deshalb ist sie die Teamleaderin. Einmal pro Woche trainieren die sechs Mitglieder, studieren auch Erste-Hilfe-Lehrbücher. Bis im Juli stehen noch Testwettkämpfe an. Rychard weiss, dass andere Teilnehmer viermal soviel üben. «Aber wir können schlicht nicht mehr Zeit investieren.» Fotograf, Dolmetscher und Supporter werden die Samariterinnen mit dem Car nach Deutschland begleiten. Noch unklar ist, wer die Schweizer Fahne bei der Eröffnungszeremonie ins Stadion tragen wird.

«Wir sind stolz auf den Verein»

Es wirkt sehr spontan, was die Frauen und Mannen des Samaritervereins anpacken. Hofer (62) und Rychard (53) sitzen gelassen auf einem Mäuerchen vor dem Feuerwehrmagazin. Wegen der Wettkämpfe wollen sie sich nicht stressen lassen. Womöglich ist die Erfahrung ihr Erfolgsrezept. Hofer ist seit 40 Jahren Samariterin. Damals, als eines ihrer Kinder die Treppe runterstürzte und sich den Schädel brach - sie war froh, hatte sie bereits den Nothelferkurs absolviert. Sie konnte rechtzeitig helfen. Rychard ihrerseits wurde vor 14 Jahren Mutter und zugleich Samariterin.

Viel Aufsehen erregt der Verein in Wynigen nicht. Umso mehr schätzt Gemeindepräsident Peter Heiniger dessen Arbeit. «Diese ist für unser Dorf wichtig.» Erst im Nachhinein erfuhr er vom bisher grössten Erfolg der Samariter: «Da merkte ich: Wir haben ja einen Schweizermeister, Gopfriedstutz. Darauf sind wir sehr stolz.» Obschon er die Arbeit in höchsten Tönen lobt, würde er sich nie trauen, Samariter zu werden. Er sei über 60. Und das letzte Mal habe er in der Unteroffiziersschule Kameradenhilfe geleistet.

Schwierig wird es bei Toten

Mit dieser Einstellung ist der Gemeindepräsident nicht alleine: Die Wyniger Samariter haben - wie viele andere Vereine - kaum Nachwuchs. Dabei können laut Rychard alle mit einer sozialen Ader mitmachen. «Sie dürfen einfach keine Angst vor Blut haben.» Denn mit Blut bekommen es die Laienhelfer häufig zu tun: Sei es bei Bränden, Arbeits- oder Strassenunfällen. Über einen Telefonalarm werden die Samariter jeweils aufgeboten. Schwierig wird es, wenn es am Unfallort Todesopfer gibt. Wie vor vier Jahren, als ein Bauarbeiter starb. Hofer, eine der ersten vor Ort: «Das war für uns eine ganz schwierige Situation. In erster Linie mussten wir die Angehörigen betreuen.» Rychard ergänzt: «So etwas lässt sich nicht üben. Ein Ernstfall bleibt ein Ernstfall.»

Im norddeutschen Oldenburg sind die Unfallszenarien natürlich gestellt. Trotzdem wird der EM-Parcours von den sechs Samaritern alles abverlangen. Entsprechend tief stapeln Hofer und Rychard. Dabei sein sei alles. Nur nicht Letzter werden. Ab Platz 29 aufwärts sei bereits ein Erfolg. Was aber, wenn es wieder mehr wird? «Dann muss eine von uns Haare lassen», sagt Hofer und blickt zu ihrer Kollegin. Diese prustet los. «Ja, aber nicht alle. Und nur, wenn wir unter den ersten zehn landen.» Bei ihrer Rückkehr am 5. Juli (19.30 Uhr) wollen die Samariterinnen in Wynigen feiern. Der Verkehrs- und Verschönerungsverein weiss über den Empfang Bescheid. Dieser soll fröhlich werden - egal wie der Wettkampf ausgeht.

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