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Kultureller Schmelztiegel im Aarestedtli

Der «Ochsen Chaophraya» in Büren vereinigt unter seinem Dach zwei Menschen aus komplett verschiedenen Kulturen. Das Ehepaar Chomyoo-Keller, sie Schweizerin, er Thailänder, harmonieren bestens. Der Erfolg ihres thailändischen Spezialitäten-Restaurants ist der Beweis dafür.

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Koch

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Solothurner Zeitung

Denise Gaudy

Sie: Bauerntochter, aufgewachsen im 700-Seelen-Dorf Basadingen im Kanton Thurgau, von Beruf Bäckerin-Konditorin, 32 Jahre alt. Er: Sohn eines Polizisten, selber gelernter Polizist, aufgewachsen in der 12-Millionen-Grossstadt Bangkok, 51 Jahre alt. Sie: Andrea Chomyoo, geborene Keller. Er: Winai, genannt Ut Chomyoo. Zusammen führen sie das thailändische Spezialitäten-Restaurant «Ochsen Chaophraya» in Büren. Seit fünf Jahren schon.

Auf den ersten Blick ist der «Ochsen» eine der gut bürgerlichen Beizen im Aarestedtli. Ein ehrwürdiges Altstadthaus mit antikem Wirtshausschild, solider Eingangstür und urchig möblierter Gaststube. Doch die Stammtisch-Atmosphäre von einst ist dem «Ochsen» abhanden gekommen. Geheimnisvolle, fremdländische Gerüche erfüllen den Raum. Schwarze Tischtücher mit goldenen Ornamenten zieren die Tische, auf denen Vasen mit violetten Orchideen stehen.

Zutaten direkt aus Thailand

«Grüezi», tönt es in breitem Ostschweizer-Dialekt hinter dem Buffet hervor. Die Stimme gehört einer jungen, freundlich lächelnden Frau mit hellblauen Augen und blondem Pferdeschwanz. Gleichzeitig tritt ein Mann aus der Küche, schwarzhaarig, dunkelhäutig, mit rundem Gesicht, schmalen Augenspalten und nicht weniger charmant. Sein weisser Kittel und ihre schlichte, schwarze
Bekleidung verraten: Der Thailänder Ut Chomyoo ist der Koch, seine Frau Andrea die Gastgeberin.

In der Restaurantküche zeigt Andrea voller Stolz auf den neuen Induktionskochherd, auf dem eine Pfanne mit roter Sauce, noch ohne Zutaten, köchelt. «Unsere heutigen Mittagsmenüs sind ein rotes Curry mit Gemüse und Poulet beziehungsweise Rindfleisch oder süss-saure Crevetten», erklärt Andrea. Koch Ut greift in die Plastikbehälter mit den fein säuberlich geschnetzelten Zutaten und streut diese in den Topf: «Bambussprossen, lange Auberginen, Thai-Bohnen - diese sind ungeschnitten einen Meter lang - und Basilikum», erklärt der asiatische Koch.

Wenn er auch nur wenig und schwer verständlich Deutsch spricht, die Namen «seiner» Ingredienzien kennt er auch in der hiesigen Sprache: «Mais, Pilze, Peperoni, Gurken, Ananas, Fischsauce, Kokosmilch, Curry. Alles bestelle ich bei einem Importeur in der Nähe des Flughafens Zürich.»

Doch was ist eigentlich Curry? Andrea wechselt ein paar Worte in Thai mit ihrem Mann: «Wurzeln, Chilischoten, Gewürze, alles zusammen zu einer Paste gestampft», antwortet sie. «Dafür hat jede Familie ihr eigenes Rezept.»

Keine Integrationsprobleme

Seit zwölf Jahren lebt Ut in der Schweiz. Seit jenem Tag, an dem er Andrea heiratete. Es war eine Liebeshochzeit, keine aus wirtschaftlichen Gründen vollzogene Zweckgemeinschaft. Kennengelernt hat sich das Paar, als der gelernte Polizist aus Bangkok seine im Thurgau verheiratete Schwester besuchte. «Integrationsschwierigkeiten habe ich nie gehabt. Von meinen Schwiegereltern bin ich mit offenen Armen empfangen und akzeptiert worden», erklärt Ut. Während seine junge Frau als Bäckerin-Konditorin arbeitete, lernte er Deutsch und machte sich auf dem Bauernhof seiner Schwester nützlich; half beim Melken und auf dem Feld.

Doch seinen Traum, den er schon in Bangkok geträumt hatte, liess ihn nicht los: «Ich wollte kochen, wie ich es bei meiner Mutter und Grossmutter in Bangkok gelernt hatte.» Ihnen habe er ständig geholfen. Mit der Ausschreibung des «Ochsens» in einer Gastrozeitschrift wurde der Traum wahr. Die Traditionsbeiz, auf deren Speisekarte ab sofort nicht mehr Schweinskotelett mit Rösti oder Rahmschnitzel stand, erhielt den Beinamen Chaophraya. Das heisst nicht etwa Ochse auf Thai, sondern ist der Name des Flusses, der in Bangkok ins Meer mündet.

«Ein paar gute Freunde»

«Auch in Büren wurden wir mit offenen Armen empfangen», sagt Ut. Das fremdländische Essen hat die hiesige Bevölkerung nicht etwa abgeschreckt. Im Gegenteil, für die einfachen Menüs am Mittag gibt es eine einheimische Stammkundschaft, und abends ist der Gastrotempel nicht selten mit Gästen aus der ganzen Region besetzt.

Die Stadtmusik kommt immer noch regelmässig nach den Proben auf ein Bierlein. Und bei den älteren Semestern sei eine Frühlingsrolle am Samstagmittag nicht weniger beliebt als ein Stück Kuchen zum Zvieri, freut sich die junge Ostschweizer Wirtin. Weder der Betrieb noch die Arbeit am Abend ist den beiden bis anhin verleidet: «Man lernt während der Arbeit viele Leute kennen, wenn auch die Zeit dann fehlt, um Freundschaften intensiv zu pflegen. Trotzdem haben wir hier ein paar gute Freunde gefunden», erklärt Andrea etwas verlegen. Ebenso wenig sei ihr die Lust auf thailändisches Essen vergangen, auch wenn sie privat immer echt schweizerisch koche: «Mein Mann mag Voressen, Kartoffelstock, Fondue, Raclette und - vor allem - Rahmsauce!»

Ähnliche Mentalitäten

Wenn das Paar auf den ersten Blick auch sehr ungleich erscheint und ihre Wurzeln unterschiedlicher nicht sein könnten, fallen im Verlauf des Besuchs immer mehr Ähnlichkeiten auf. Beide wirken bescheiden, freundlich, zuvorkommend und natürlich. Der rege Betrieb vermöge nicht ihr Heimweh zu verdrängen, sagt Andrea, weder das Heimweh nach Thailand noch dasjenige nach der Ostschweiz.
«Einzelne Freitage verbringen wir im Thurgau, Ferien indes in Thailand», erklärt Andrea. Dann habe er aber nicht nur das Bedürfnis seine Mutter und die Geschwister zu sehen, sondern auch die buddhistischen Mönche in den religiösen Stätten aufzusuchen. Denn: «Es ist ihm hier nicht möglich, seinen Glauben zu praktizieren.»

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