Kritik an Bürokratie

Die Prüfung von Impfstoffen gegen die Schweinegrippe sei in der Schweiz viel zu bürokratisch organisiert, kritisiert der Berner Immunologe Beda Stadler. Beim Heilmittelinstitut Swissmedic wehrt man sich.

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Simon Fischer

«Es ist kein Witz. Die Grippe-Pandemie wird kommen.» Der Slogan der Präventionskampagne des Bundes hat sich gestern bestätigt. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) präsentierte in Bern die neusten Zahlen zur Ausbreitung der Schweinegrippe. Sie zeigen, dass sich die Zahl der diese Woche bestätigten Fälle im Vergleich zur Vorwoche verdreifacht hat. Allerdings gibt es auch gute Neuigkeiten. Der bislang dritte Schweinegrippe- Impfstoff Celtura, entwickelt von Novartis, ist in Deutschland zugelassen worden, wie der Basler Pharmamulti mitteilte. Bis es in der Schweiz so weit ist, wird es aber noch eine Weile dauern. Denn zuerst muss das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic den neuen Impfstoff noch eingehend prüfen.

Dafür hat der Immunologe Beda Stadler von der Universität Bern kein Verständnis. «Ich sehe absolut keinen Grund, warum Swissmedic den Impfstoff nicht sofort zulassen kann», sagt Stadler. Es sei absurd, in der Schweiz noch einmal mit dem ganzen bürokratischen Zulassungs-Prozedere von vorne zu beginnen, wenn Celtura in Deutschland bereits zugelassen worden sei. «Swissmedic müssen jetzt Beine gemacht werden», fordert Stadler. Denn die beiden Impfstoffe Pandemrix und Focetria, die seit einer Woche bewilligt sind, seien im Gegensatz zu Celtura auf Hühnereier-Basis entwickelt worden. Werde jemand mit einer Hühnerei-Allergie mit einem dieser Stoffe geimpft, könne ein anaphylaktischer Schock auftreten. Problematisch sei dies vor allem bei Menschen, die gar nicht wüssten, dass sie eine Allergie hätten, erklärt Stadler.

Notverordnung für Ernstfall

Beim Heilmittelinstitut will man Stadlers Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen. «Das ist alles Unsinn», erklärt Swissmedic- Sprecher Joachim Gross. Das Heilmittelgesetz schreibe vor, dass ein neuer Wirkstoff vor der Zulassung genau geprüft werden müsse. Gerade bei den Schweinegrippe-Impfstoffen habe Swissmedic die Bürokratie auf ein Minimum beschränkt. So sei Focetria in der Rekordzeit von zehn Tagen bewilligt worden. Schneller würde es wohl nur noch gehen, wenn wegen eines sehr gefährlichen Krankheitserregers eine Pandemie drohe. Dann nämlich könnte eine Notverordnung angewandt werden, die bei der Zulassung neuer Arzneimittel ein stark verkürztes Verfahren erlaubt.

Doch warum hinkt die Schweiz bei der Zulassung der Impfstoffe hinterher? «Dafür sind die Pharmaunternehmen verantwortlich», sagt Gross. Im Fall von Pandemrix habe der Hersteller Glaxo-Smith-Kline das Zulassungsgesuch für die Schweiz erst zwei Monate nach jenem für die EU eingereicht. Ein weiteres Hindernis ist, dass die bilateralen Verträge mit der EU keinen Datenaustausch im Arzneimittelbereich erlauben. «Eine entsprechende Vereinbarung würde den Zulassungsprozess erheblich beschleunigen», erklärt Gross.