Gerichtsfall
Kriminelle Energie in Massen

Der 72-jährige H. hat sich schon viel geleistet, von Betrug will er nichts wissen.

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Justizia

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Aargauer Zeitung

Markus Christen

Der Angeklagte H. sitzt orientierungslos und abgekämpft im Gerichtssaal des Bezirksgerichts Aarau. In seinem zu grosszügig geschnittenen Anzug ab Stange wirkt er verloren. Seine Vergangenheit hat ihn wieder einmal eingeholt. Sein Strafregister, dessen Umfang an diesem Tag nur in Auszügen wiedergegeben werden kann, wird wohl um einige Einträge verlängert.

«Ich bin jetzt 82 Jahre alt. Ich habe keine Zukunft mehr», sagt der in der Tat erst 72-jährige H, bei dem man schwankt, ob man seine Vergesslichkeit für bare Münze oder doch als geschickte Inszenierung hinnehmen soll. Wer keine Zukunft hat, hat auch nichts zu verlieren, nach diesem Leitsatz zumindest scheint H. sein Leben zu gestalten.

Zur Last gelegt werden ihm Diebstahl, Betrug, das mehrfache Führen eines Personenwagens trotz Entzug des Lernfahrausweises, das Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit innerorts, geringfügiger Betrug und mehrfache Widerhandlungen gegen das eidgenössische Transportgesetz. In dieser Reihenfolge. Die Taten wurden innerhalb von vier Monaten begangen.

Dann gings ab nach Spanien

Am 15. November des vergangenen Jahres zum Beispiel spaziert H. über den Schlossplatz in Aarau und an einem Volvo Cabrio vorbei. Einige Tage später fährt H. mit dem Auto in Spanien ein. Es war nicht abgeschlossen, der Schlüssel steckte im Zündschloss. Erklären kann sich H. dieses Vorgehen nicht wirklich, es muss sich wohl um eine Kurzschlussreaktion gehandelt haben. Wie er denn dazugekommen sei, ausgerechnet nach Spanien zu fahren, will die Gerichtspräsidentin wissen. «Ich bin das Seetal hinaufgefahren - und dann nach Spanien.» Klar, wieso denn auch nicht.

In Spanien leiht sich H. 257 Franken von einem in Spanien lebenden Schweizer. Er berichtet von einem erfundenen Überfall, bei dem ihm seine Geldbörse entwendet wurde. Zurückzahlen wird er das Geld nicht, entgegen seinen Versprechungen und einem schnell aufgesetzten Vertrag, den er mit einer falschen Adresse versehen hat. Inzwischen, vor Gericht, beteuert H., habe er die Schulden beglichen. Quittung habe er aber keine bei sich.

Viel komplizierter stellt sich der Betrugsfall dar. Am 5. Januar sucht H. eine Raiffeisenbank in Aarau auf, wie jeden Monat, um sich seine monatliche Rente ausbezahlen zu lassen. Nachdem er seine Identitätskarte vorgelegt hatte, griff der Bankangestellte über das Computersystem auf ein Konto zu, das einem gleichnamigen Kunden gehört. H. wird nicht stutzig, als ihm anstatt den üblichen rund 1000 Franken plötzlich 1600 Franken ausbezahlt werden.

Sowieso kann er sich nicht daran erinnern, jemals vom Bankangestellten, der als Zeuge anwesend war, bedient worden zu sein. Ob er sich tatsächlich der Transaktion nicht mehr entsinnen kann oder schlicht nicht damit gerechnet hat, von einer Überwachungskamera gefilmt zu werden, lässt sich nicht sagen. Tatsache ist: Mit einer genauen Überprüfung der Kundendaten durch die Bank wäre der Betrugsversuch, die Verwechslung, die Misslichkeit, was auch immer, aufgeflogen.

Die illegale Abkürzung

H. schlägt sich durchs Leben, gerade so. Nimmt immer mal wieder eine illegale Abkürzung. Er lege keine grosse kriminelle Energie an den Tag, sagt sein Anwalt. Die Altersdemenz, die offensichtlich während der Befragung zutage getreten sei, sei nicht gespielt. Eine Busse von 150 Tagessätzen zu 5 Franken sei deshalb eine angemessene Strafe. Vor der Urteilsverkündung fragt H. seinen Anwalt, ob er vielleicht sogar für mehrere Jahre hinter Gitter müsse. Der Anwalt verneint dies, H. ist sichtlich erleichtert.

Seit 6 Monaten befindet er sich in Untersuchungshaft. 8 Monate Gefängnis unbedingt lautet der Richtspruch, die schon abgesessene Untersuchungshaft wird ihm angerechnet. Zwar wurde H. vom Betrugsfall in der Bank freigesprochen, das Verfahren wegen einfachen Betrugs über 257 Franken wurde eingestellt. In allen übrigen Anklagepunkten ist H. schuldig.

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