2. Weltkrieg
Kriegsende – aber Hitler und kein Ende?

Vor 70 Jahren kapitulierte Deutschland. Die Niederlage war total, Hitlers Regime weg und diskreditiert. Und trotzdem geistert der Diktator durch die Zeiten – bis in die Gegenwart.

Christoph Bopp
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Ein Mann hat eine Mission: Adolf Hitler 1927 in einer Fotoserie seines Hoffotografen Heinrich Hoffmann.

Ein Mann hat eine Mission: Adolf Hitler 1927 in einer Fotoserie seines Hoffotografen Heinrich Hoffmann.

AKG Images

«Seit zwei Monaten sind wir hier zugange, wir haben mit vielen Menschen gesprochen, wir haben jede Menge Fragen gestellt, und wir haben keinen einzigen Nazi gefunden. Jeder ist ein Nazigegner. Alle Leute sind gegen Hitler. Sie sind schon immer gegen Hitler gewesen. Was heisst das? Es heisst, dass Hitler die Sache ganz allein, ohne Hilfe und Unterstützung irgendeines Deutschen durchgezogen hat. Er hat den Krieg angefangen, er hat ganz Europa erobert, den grössten Teil Russlands überrannt, fünf Millionen Juden ermordet, sechs bis acht Millionen Polen und Russen in den Hungertod getrieben, vierhundert Konzentrationslager errichtet, die grösste Armee in Europa aufgebaut und dafür gesorgt, dass die Züge pünktlich fuhren. Wer das ganz alleine schaffen will, muss schon ziemlich gut sein. Ich kenne nur zwei Menschen in der ganzen Welt, die so etwas können. Der andere ist Superman.»

Saul K. Padover: Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45.

Saul K. Padover war ein aus Wien in die USA emigrierter Politikwissenschafter. Er sollte die Stimmung unter den besiegten Deutschen erkunden. Nicht zuletzt im Hinblick darauf, wie die Alliierten die Besetzung Deutschlands am besten organisieren sollten.

Padover war angesichts dieser Antworten ziemlich fassungslos. Dass es so leicht sein würde, sich von aller Schuld und Verantwortung so schnell zu befreien, erstaunte ihn. Immerhin sagte ihm ein ehemaliger Angehöriger der Hitler-Jugend sinngemäss: «Was brauchen wir einen Führer, der einen Krieg anfängt, um ihn zu verlieren?»

Die deutsche Bevölkerung am Kriegsende teilte sich auf in fanatische Nazis (die sich aber bereits umgebracht hatten) und solchen, die «schon immer dagegen waren».

Die Niederlage war total, das Land in Trümmern, die Scham angesichts der Verbrechen grenzenlos, die Zukunft dunkel – dass die Leute dazu neigten, sich zuerst einmal aus allem zu verabschieden, ist nachvollziehbar. Aber bald wurde das Manöver, alles dem abwesenden Hitler in die Schuhe zu schieben, allgemeine Strategie. Nicht zuletzt die Kriegs- und Naziverbrecher griffen dankbar nach diesem Strohhalm. Nur Befehle hätten sie ausgeführt.

Hitler, seine Clique - der Rest

Auf die Dauer konnte es nicht bei «Hitler wars» allein bleiben. Die Nürnberger und die KZ-Prozesse nach Kriegsende förderten aber eher die Auffassung, dass es eine kleine «Clique von Hauptkriegsverbrechern» gewesen sei, die quasi im Verschwörermodus diese Katastrophe angezettelt und zu verantworten hätte.

Damit das funktionierte, musste man, was Padover sarkastisch konstatiert hatte, auch tun: Hitler zum Superman hochstilisieren. Was sich daraus ergab, war der «Autobahnen»-Hitler. Es war nicht alles schlecht, was der Mann aus Braunau angerichtet hatte, schliesslich hatte er - und dann folgt die Aufzählung von allerlei wirtschafts- und innenpolitischen Wundertaten, die «Autobahnen» und das, was der österreichische Populist Jörg Haider einmal eine «anständige Beschäftigungspolitik» genannt hatte, das «innenpolitische Aufräumen» des Parteienwirrwarrs der Weimarer Republik, Aufschwung, Ordnung, ja sogar ein bisschen gesteigertes Selbstgefühl gehörten dazu. Das hatte alles «der gute Hitler» gemacht.

Den «bösen Hitler», den es natürlich auch gab, milderte man nach Kräften ab: Der Antisemitismus war natürlich übertrieben (hat er überhaupt von den Vernichtungsorgien gewusst? wo ist der Ausrottungs-Befehl?) und den Krieg hätte er auch nicht anfangen müssen (seine Aussenpolitik vorher war ja ausserordentlich erfolgreich). Schliesslich die absurde Hilfskonstruktion, dass er von seiner Entourage getäuscht worden sein könnte: Wenn der Führer das gewusst hätte . . .

Hitlers Charisma und sein Opfer

Diese «Gut-böse»-Unterscheidung führte nicht nur unausweichlich zur Dämonisierung der Figur als das «Urböse» (und entsprechender Tabuisierung), sie passte auch in ein anderes Schema, das auf grosse Akzeptanz stiess. Theoretisch fundiert in der Typologie der Herrschaftsformen, die der Soziologe Max Weber weit vor Hitler aufgestellt hatte. Neben rationaler und traditioneller Herrschaft führte Weber die «charismatische Herrschaft» auf. Das war es doch genau: Hitlers Charisma hatte die Deutschen verführt und verblendet und . . . und . . .

Damit war der Gipfelpunkt dieser «Viktimisierungsstrategie» erreicht, des Versuchs, sich selbst zum Opfer zu machen. Und wer die Bilder und körnigen Filme von Hitlers öffentlichen Auftritten ansieht (während des Krieges gibt es dann praktisch keine mehr), wird in diesem Eindruck bestärkt. Hingebung und Verehrung, gar Verzückung sind da zu sehen. Leider vergisst man oft, dass die Dokumente von der Nazi-Propaganda entsprechend angefertigt wurden.

Kein Charisma ohne Glaube

Und noch lieber vergisst man, dass bereits Weber den «Glauben» als unverzichtbaren Bestandteil charismatischer Herrschaft genannte hatte, dass es kein Charisma gibt, wenn es niemand als solches anerkennt. Dann kann man, wie es der Hitler-Biograph Joachim Fest 1973 getan hatte, Hitlers Laufbahn als Parabel zeichnen, «aus dem Nichts» zu einer Klimax und ins Nichts zurück.

Die «Machtergreifung» von 1933 war dann einfach unausweichlich. Dass 1932 die NSDAP eigentlich erledigt und im Niedergang war, ging ebenso unter, wie der Umstand, dass eine deutsche Elite den Populisten und seine Bewegung noch nutzte, um 1933 dem verhassten Weimarer System den Rest zu geben. Leider liess sich der Agitator nicht «einbinden», das «Ermächtigungsgesetz» brauchte es noch – und dann reichte der Terror.

Die Ideologie des Nationalsozialismus ist im Kern einfach: «Wir» (Blut, Volk, Rasse – irgendwas) sind besser als der Rest, deshalb will man uns ans Lebendige, wir müssen uns wehren, weil das Lebensgesetz («Kampf ums Dasein») eben so ist. Diese Ideologie, die Hitler in «Mein Kampf» ausbreitet, kam vielen gelegen. Bestätigt wurde sie schliesslich durch die vielen «Plagen», die man erleiden musste: Versailles, Inflation, Depression; dann nach 1933: Terror, Krieg, Bombenhagel und Zerstörung.

Ein Mann mit Mission

Charisma entsteht in Zeiten der Not, wenn ein «Führer», ein starker Mann, ersehnt wird. Und das dürfte Hitlers einziges Charakteristikum sein, das begrifflich fassbar ist: Sein Bewusstsein, eine Mission zu haben, einzigartig zu sein und auf der richtigen Seite der Geschichte. Damit steht er nicht allein.

Solche «messianischen» Anflüge behelligen viele. Sie müssen auf ein empfängliches Publikum treffen, um sich voll zu entwickeln und sich auszuwirken. Bei Hitler war es so. Die Bereitschaft, sich auf ihn und seine Mörderideologie einzulassen, war historisch da. Die moralische Schützhülle des homo sapiens ist dünn. Das entschuldigt die Brutalitäten und Sadismen der KZ-Schlächter und der «Einsatzgruppen» keineswegs. Aber es zeigt, dass vielleicht mehr «Hitler in uns» ist, als wir selbst in lichten Momenten zuzugestehen bereit sind.

Lachen hilft – gegen alles

Dagegen hilft – und das wäre eine letzte Runde dieser «Hitler»-Geisterbahn, die seit 1945 nicht nur in Deutschland kreist, in der der Führer immer wieder auftaucht in immer neuen Verkleidungen – das Lachen über diesen grössenwahnsinnigen Kleinbürger mit seinem Wahn von Grösse und Macht.

«Hitler sells» – ob der Führer Plattfüsse hatte, taugt alleweil zur Titelgeschichte deutscher Magazine – vor allem aus zwei Gründen. Aus der legitimen Frage: Wie konnten wir/wie konntet ihr nur auf eine so mediokre Kreatur hereinfallen? (Die Frage kann biographisch offenbar nicht beantwortet werden. Denn in der Hitler-Vita - da war einfach nichts.)

Der andere Grund wäre ein inoffizieller, ein quasi erträumter. Er hat damit zu tun, dass man über den Hitler im Film «Der Untergang» (den Bruno Ganz gespenstisch-authentisch spielte) geteilter Meinung sein kann. Die offizielle Meinung sagt: Jetzt soll man mit diesem alten verlorenen Mann auch noch Mitleid haben? Mit seiner ganzen zitternden Hinfälligkeit? Nie im Leben! Denn es bedeutet, dass man darumwillen alles andere aus den Augen verliert: Die Toten und die Verwundeten und die Vertriebenen und die Geschundenen. Dieser offizielle Standpunkt ist unwiderlegbar.

Die «andere» Meinung könnte sein: Wenn «Geschichte» von «grossen Männern» gemacht wird, wie manche behaupten, dann ist es am besten, «Möchtegern-Gross-Männer» klein zu machen.

Und klein macht man sie, indem man über sie lacht. Und lachen kann man über sie, wenn man ihnen ihren Nimbus nimmt, ihre Leere zeigt und ihre Schwachheit. Über Hitler zu lachen, ist allerdings manchmal heikel. Viel Gefühl ist gefragt. Aber es ist besser als die Alternative: Verdrängen oder Vergessen.