Papst
Kreuzzug gegen den Relativismus

Papst Benedikt XVI. will den Begriff der «Wahrheit» wieder ins Wertebewusstsein rufen. Er verfolgt das Ziel, die Moderne rückgängig zu machen.

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Kreuzzug gegen den Relativismus

Kreuzzug gegen den Relativismus

Und ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Tore des Totenreichs werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben, und was du auf Erden bindest, wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden löst, wird auch im Himmel gelöst sein.
Matthäus 16, 18–19

Christoph Bopp

Die Bibelgelehrten sind sich uneins, ob der obige Ausspruch von Jesus wirklich authentisch ist. Das Wortspiel («petros» bedeutet auf Griechisch «Fels») kommt den Schriftgelehrten wahrscheinlich allzu schön vor, um nicht gut erfunden zu sein. Aber dass gerade Petrus, der – wahrscheinlich eher ungebildete – Fischer aus Kapernaum, der Jünger, der den Glauben verlor, als er Jesus auf dem Wasser nachfolgen sollte, der schwache Mensch, der Jesus in seiner Todesnacht dreimal verriet, zum Nachfolger des Religionsgründers werden soll, dürfte seine ganz spezielle Bedeutung haben. Heute ist die Gemeinde (Ecclesia) eine globale Organisation: Institutionen solcher Grösse müssen nach bestimmten Gesetzen organisiert werden, das kann jeder HSG-Absolvent nach dem ersten Semester bestätigen. Und dann ist es halt mehr als fraglich, ob der ursprüngliche Auftrag, den Petrus (laut Johannes 21, 15–18) erhielt: «Weide meine Lämmer! Hüte meine Schafe! Weide meine Schafe!», noch so direkt umsetzbar ist.

Die jüngsten Ereignisse und die Art ihrer Bewältigung (oder besser: Nicht-Erwähnung) deuten eher darauf hin, dass es mehr darum geht, die Institution zu schützen, als sich um das Seelenheil ihrer Glieder zu sorgen. Die Gemeinde Christi erscheint eher als ein Klub alter Männer, der sich gegen Neuerungen aller Art sträubt und über die Wahrung alter Privilegien wacht. Die Form ist alles – von der Wiederbelebung der lateinischen Messe bis zur Wiedereinführung der Judenmission im Karfreitagsgebet –, der Inhalt erscheint nebensächlich. Hauptsache, es sieht so aus wie früher.

Was erwarten Menschen heute von ihrer Kirche? Die moralische Oberhoheit hat sie längst verloren – die protestantische schon früher und in grösserem Ausmass als die katholische. Wer erwartet heute noch von der Kirche Orientierung und Hilfe im Alltag? Umfragen ergeben, dass das Bedürfnis nach Religion besonders in der jüngeren Generation nach wie vor besteht. Aber man geht ihm eher privat nach oder in Freikirchen, die unverbindlicher organisiert sind. Der Gottesdienst als Event – die katholische Kirche war ursprünglich auch eher dieser Idee verpflichtet, aber sie kann in Sachen Inszenierung nicht mithalten. Und der «Herr Prof. Dr. Papst» habe «den engen Kontakt zu seinen Schutzbefohlenen verloren», schreibt auch der «Spiegel» in seiner aktuellen Titelgeschichte.

Vor fast fünf Jahren, am 20.April 2005, hatte Benedikt XVI. seine erste Messe als Papst gehalten und dabei die Öffentlichkeit überrascht. Er werde «ohne Unterlass für die Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Christen» arbeiten, sagte er damals auf Lateinisch. Das waren andere Töne, als man vom dogmatischen Hardliner, der er als Vorsteher der Glaubenskongregation gewesen war, erwartet hatte. Aber bald wurde klar, dass der neue Papst damit keineswegs meinte, dass er seine Position revidieren wolle. Und die lautete immer noch, dass ausser seiner, der römisch-katholischen, keine anderen christlichen Glaubensgemeinschaften «Kirchen im eigentlichen Sinn» seien.

Was muss man vom Pontifikat BenediktsXVI. halten? Ist es eine «gescheiterte Mission»? Er habe es praktisch mit allen verdorben, schreibt der «Spiegel» weiter. Mit den Juden und Muslimen, sogar mit den Deutschen, «die bei seiner Wahl so stolz auf ihn waren». Anders als sein Vorgänger Johannes PaulII. hält BenediktXVI. nicht viel vom Beifall der Menge. Das liegt nur zum Teil an seiner Biografie. Er ist ein schüchterner und spröderer Mensch als sein Vorgänger. Aber nicht jeder Papst muss ein Popstar sein. Glaubwürdig hingegen schon.

Moralische Autorität und Legitimation hat er nicht zurückgewonnen. Im Gegenteil: Langsam wird bekannt, dass er als Verfasser des Geheimschreibens «De delictis gravioribus», in dem die Bischöfe unter Strafe der Exkommunikation aufgefordert werden, alle Pädophilie- und anderen Fälle nach Rom zu melden und nach aussen geheim zu halten, mindestens mitverantwortlich ist für diese dunkle Epoche des Verschweigens, Vertuschens und Verheimlichens. Natürlich gibt es «Übergriffe» nicht nur in der katholischen Kirche. Aber diese Institution hat viel zu wenig oder nichts gemacht, um sie zu verhindern.

Das ist gewissermassen die persönliche Verantwortung Joseph Ratzingers. Seine gesellschaftliche Mission fährt unter dem Titel «Gegen den Relativismus». Was der modernen Gesellschaft fehlt, ist nicht einmal in erster Linie der (richtige) Glaube, sondern die Wahrheit. Der Leitspruch, dem alle folgen, heisst: «Anything goes», Hauptsache, es funktioniert. Der Satz stammt vom leicht anarchischen Philosophen Paul Feyerabend. Und er äusserte ihn nicht in moralischer Absicht. Was er sagen wollte, betraf die Wissenschaft. Die etablierte Lehrmeinung solle aufhören, sich autoritär zu betragen. Niemand habe die Wahrheit gepachtet.

Für liberale Geister ist diese Doktrin eine Befreiung. Sie erlaubt und fordert das Nachdenken über die eigenen Motive und führt letztlich zum klassisch-aufklärerischen Ziel der Autonomie. Für die anthropologischen Skeptiker – und hier gehört die katholische Lehre von der Erbsünde dazu – ist sie des Teufels. Der gläubige Christ kann nicht leben ohne die Wahrheit, wie sie in der Heiligen Schrift geoffenbart wurde – und wie sie die Theologen des Vatikans interpretieren.

Man kann nicht sagen, Benedikt XVI. sei «von gestern». In seiner Enzyklika «Caritas in veritate» (2009) zählt er ziemlich schonungslos die Probleme auf, mit denen wir alle konfrontiert sind: Armut, ungerechte Verteilung der Reichtümer dieser Erde,
Ohnmacht und Unterdrückung und vielfältiges menschverursachtes Leiden. «Ohne Gott weiss der Mensch nicht, wohin er gehen soll, und vermag nicht einmal zu begreifen, wer er ist.» Das ist BenediktsI. Diagnose. «Wie viele Divisionen hat der Papst?», fragte einst Joseph Stalin. Natürlich hat er auch heute immer noch keine, aber ganz machtlos wäre er nicht.

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