Matur
Korrigiert wird in Burundi

Der Kanton Zürich will die zweisprachige Matur an allen Mittelschulen ermöglichen. Das Literar- und das Realgymnasium Rämibühl gehen noch einen Schritt weiter.

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Limmattaler Zeitung

Matthias Scharrer

Die Prüfungen für das International-Baccalaureate-Diplom (IB) finden weltweit am gleichen Tag statt - mit den gleichen Prüfungsaufgaben. Anschliessend schickt der Lehrer oder die Lehrerin die Resultate in einem versiegelten Couvert ab. Korrigiert wird dann in der ganzen Welt, von Lehrkräften, die am internationalen IB-Programm beteiligt sind. «Es kann zum Beispiel sein, dass wir eine Biologie-Prüfung nach Singapur schicken oder Französisch-Arbeiten nach Burundi», erklärt Christian Maurer, Lehrer am Realgymnasium (RG) Rämibühl in der Stadt Zürich.

Zweisprachige Matur für alle Kantonsschulen

Der Zürcher Regierungsrat will die zweisprachige Matur an allen Kantonsschulen ermöglichen. Von total 20 haben 13 Zürcher Kantonsschulen schon entsprechende Angebote mit Englisch als Unterrichtssprache in einzelnen Fächern: LG Rämibühl, RG Rämibühl, MNG Rämibühl, Hohe Promenade, Wiedikon, Enge, Birch, Kantonale Maturitätsschule für Erwachsene (alle in Zürich); Büelrain, Im Lee, Rychenberg (Winterthur); Küsnacht; Limmattal (Urdorf).

Ab nächstem Schuljahr können - auf freiwilliger Basis - weitere hinzukommen. Neu sind auch zweisprachige Maturitätsgänge auf Deutsch und Französisch möglich. Entsprechende Pilotversuche sind an den Kantonsschulen Freudenberg und Oerlikon (Zürich) geplant. Auch die Kantonsschule Stadelhofen (Zürich) ist aktuell an der Einführung der zweisprachigen Matur interessiert, so Johannes Eichrodt vom kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamt.

Um die zweisprachige Matur flächendeckend bis 2014/15 zu ermöglichen, will der Kanton 2,1 Millionen Franken investieren. Damit sollen vor allem zweisemestrige Weiterbildungskurse à zwei Wochenstunden sowie Sprachaufenthalte für Lehrkräfte finanziert werden, heisst es im entsprechenden Regierungsratsbeschluss. Ein Grossteil der Kosten müsse allerdings durch Verschiebungen und Einsparungen bei anderen Vorhaben im Globalbudget der Mittelschulen kompensiert werden. (mts)

Das Modell findet Nachahmer

Maurer ist am RG Koordinator für zweisprachige Matur und IB. Beide Abschlüsse sind am RG zwingend verknüpft. Das Real- und das Literargymnasium (LG) Rämibühl sind bisher die einzigen öffentlichen Schulen in der Schweiz, die den IB-Abschluss parallel zur Matur anbieten. Ein Modell, das Zukunft haben könnte, wie Maurer meint.

Und das bereits Nachahmer gefunden hat: So sind die Neue Kantonsschule Aarau und die Kantonsschule Wettingen IB-Kandidaten und dürften, wenn das Aufnahmeverfahren fürs IB-Programm abgeschlossen ist, nächstes Jahr damit anfangen. Die Vorteile überwiegen, ist Maurer überzeugt: «Die Schüler werden selbstständiger und lernen deutlich besser Englisch als in zweisprachigen Klassen ohne den Doppelabschluss.»

Die Gründe dafür sind vielfältig: So müssen die Schülerinnen und Schüler eine Reihe von schriftlichen Arbeiten auf Englisch abliefern und dabei präzise formale und inhaltliche Kriterien erfüllen. Neben Schulfächern wie Mathematik, Biologie, Geografie und Geschichte gehören auch eine Arbeit über Erkenntnistheorie sowie ein Pendant zur Maturarbeit dazu. Und: Im Rahmen des zweijährigen IB-Programms sind 150 Stunden an sportlichem, kreativem oder gemeinnützigem Einsatz ausserhalb der Schule gefordert. «Meistens wird dies übererfüllt», sagt Maurer.

Lehrer nicht mehr «Böölimaa»

Dadurch, dass die Prüfungen extern korrigiert werden, entkrampfe sich auch das Schüler-Lehrer-Verhältnis. «Der Lehrer ist nicht so sehr der ‹Böölimaa› mit dem Notenknüppel, sondern eher vergleichbar mit einem Coach», meint Maurer. «Lehrer und Schüler arbeiten gemeinsam auf ein Ziel hin.»

Doch das System habe auch einen Knackpunkt: So sei die Belastung der Schüler höher als bei der «normalen» Matur. «Weil viele Aufträge individuell auf verschiedenen Niveaus erledigt werden können, leisten begabte Schüler deutlich mehr, als sie in einem herkömmlichen Bildungsgang leisten würden. Der Bildungsgang ist eben auch eine Form der Begabtenförderung», meint Maurer. Seit 2005 führen RG und LG je eine entsprechende Klasse.

Zwei Lehrpläne verschmelzen

Auch für die Lehrkräfte sei die Kombination aus IB- und Matur-Lehrgang eine Herausforderung. Denn es gelte, die internationalen IB-Lehrpläne mit den hiesigen zu verschmelzen und sich mehr als Coach zu verstehen. Als Lehrer unterrichte man damit gleichzeitig in zwei Schulsystemen. Die Korrigierarbeit entfalle dabei keineswegs: Ein Teil der IB-Arbeiten wird laut Maurer auch von den Rämibühl-Lehrern korrigiert und zählt für die Zeugnisse.

Beim Kanton sieht man die Verschmelzung von IB und zweisprachiger Matur mit Wohlwollen: «Die Matur wird durch die Kombination mit einem international anerkannten Abschluss aufgewertet. Ich begrüsse es sehr, wenn Schulen sich darum bemühen», sagt Johannes Eichrodt, Leiter der Abteilung Mittelschulen im Mittelschul- und Berufsbildungsamt. Ausser von RG und LG Rämibühl seien bislang aber keine entsprechenden Gesuche eingegangen.

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