Angelo Zambelli

Selina reicht Suchantra zaghaft die rechte Hand und behält die linke in der Hosentasche. Suchantra kichert verlegen und dreht sich von ihrem Gegenüber ab. Dieses Beispiel aus dem Lengnauer Knigge-Kurs zeigt, dass richtiges Verhalten nicht angeboren ist und erlernt werden muss. Beim dritten Anlauf klappt die Begrüssung zwischen Selina und Suchantra schon deutlich besser: Selinas Hand steckt nicht mehr in der Hosentasche, die beiden halten Blickkontakt und wenden sich nicht mehr voneinander ab. Der Händedruck ist so, wie es Adolph Franz Friedrich Freiherr von Knigge (1752-1796) empfiehlt: Nicht zu stark, aber auch nicht zu schwach.

«Gutes Benehmen ist äusserst wichtig», sagt Knigge-Expertin Erna Rütimann. «Wer beruflich und privat erfolgreich sein will, braucht gepflegte Umgangsformen. Sie verschaffen Sicherheit in jeder Situation und bewahren vor Peinlichkeiten.» Häufigste Fettnäpfchen sind laut Rütimann die Verweigerung von Hilfe beim Einsteigen in den Bus, beim Tragen schwerer Sachen oder beim Heben eines Kinderwagens, rülpsen oder schmatzen beim Essen, auf die Strasse spucken, beim Husten die Hand nicht vor den Mund halten, älteren Menschen keinen Platz anbieten, in der Öffentlichkeit in Nase oder Ohren bohren, bei Veranstaltungen das Handy eingeschaltet lassen, zu spät kommen, den Gesprächspartner nicht ausreden lassen oder mitten im Gespräch eine SMS versenden oder lesen.

Angesprochen wird beim Knigge-Kurs in der Turnhalle Rietwise auch das Liegenlassen von Abfall: Dies sei unanständig gegenüber der Umwelt, sagt Rütimann, aber auch unanständig gegenüber der Gesellschaft, weil dies enorme Kosten verursache, die von der Allgemeinheit getragen werden müssen. Beim Thema «Vorstellungsgespräch» legt die Knigge-Expertin den Jugendlichen ans Herz, korrekt gekleidet und pünktlich zu erscheinen und während des Gesprächs eine aufrechte Haltung einzunehmen.

Grosse Aufmerksamkeit erregt die Frage der korrekten Kleidung. «Kleidung soll dem Anlass gerecht werden», erklärt Rütimann. Der Bewerber für eine Lehre als kaufmännischer Angestellter müsse sich anders kleiden als ein Bewerber für eine Schreinerlehre. «Kleidung zeigt aber auch den Respekt, den wir anderen gegenüber haben. Schmutzige und zerrissene Kleider vermitteln Gleichgültigkeit.» Weitere Sünden bei Vorstellungsgesprächen seien bauchfreie Shirts, grosse Ohrringe, zu viel Schminke sowie sichtbare Tatoos.

«Andere ausreden lassen»

Die Jugendlichen picken sich aus dem Schwall der vielen guten Tipps diejenigen heraus, die ihnen am meisten Eindruck machen: Petar findet es spannend, dass man anhand des Gesichtsausdrucks herausfinden kann, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt. Für Mergim ist es wichtig, den Gesprächspartner ausreden zu lassen, und Wendy hat sich während des Knigge-Kurses vorgenommen, Erwachsenen und Vorgesetzten weiterhin mit Respekt zu begegnen.