«Kollege Lothar» kam wie gerufen

Nicht überall versetzte der Sturm die Aargauer in Angst und Schrecken. Willy Gloor und Hans Conrad öffneten noch vor Mittag am 26. Dezember 1999 eine Flasche Champagner.

Merken
Drucken
Teilen
«Kollege Lothar» kam wie gerufen

«Kollege Lothar» kam wie gerufen

Sabine Kuster

Seit einiger Zeit stand die Scheune so windschief, dass sich der Giebel der Westfassade gut 60 Zentimeter aus dem Lot auf die Wiese hinauslehnte. Die Versicherung hatte sich geweigert, das Gebäude weiterhin zu versichern. Deshalb beäugte Hans Conrad die Scheune, die zu einem Drittel auf seinem Grundstück stand, kritisch. Würde sie, nachdem sie schon zweihundert Jahre oder mehr hier gestanden hatte, auch diesem Wind stand- halten? «Fährt ja nicht auf diesem Strässlein hin und her», hatte er zu den Buben gesagt, die an diesem Sonntagmorgen auf ihren Rädern Runden drehten, «neben der Scheune ist es zu gefährlich.»

Er ging ins Haus, um andere Schuhe anzuziehen, als seine Frau, die am Fenster stand und nach draussen schaute, rief: «Jetzt stürzt sie!» Das Gebäude ächzte, die Westfassade kippte auf die Wiese und riss alles mit sich: Ziegel, Mauersteine, Balken und Bretter krachten zu Boden. Nur die Ostfassade blieb stehen.

Nun war es hell vor dem Haus

Als Willy Gloor, auf dessen Grundstück die Scheune zu zwei Dritteln steht, nach Hause kam, fiel ihm als Erstes auf, wie hell es vor seinem Haus war. Er drehte sich um und erblickte erschrocken den Trümmerhaufen auf der anderen Seite der Strasse. Doch so richtig überrascht war auch er nicht; schon als er mit seinem Auto an diesem Morgen über die Staffelegg gefahren war und wegen der heftigen Windböen Mühe hatte, mit dem Auto auf der Strasse zu bleiben, hatte er an die alte Scheune zu Hause denken müssen.

Der Schreck war nur von kurzer Dauer – noch vor Mittag öffneten die Nachbarn Gloor und Conrad eine Flasche Champagner und stiessen auf «Kollege Lothar» an, der mit seiner Geschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde einen dreijährigen Streit mit dem Veltheimer Ortsbildschutz an diesem Morgen zugunsten der beiden Nachbarn entschieden hatte.

Denn Gloor und Conrad hätten die Scheune schon lange gerne abgerissen und eine Einstellhalle für Gloors Car und andere Autos gebaut. Doch der Ortsbildschutz hatte gefordert, der Neubau müsse genau das Volumen der alten Scheune haben. Diese Vorgabe einzuhalten und die Mauern zu restaurieren, wäre kostspielig gewesen.

Ostfassade wurde geschleift

Zehn Jahre später ist weder von der Scheunen-Ruine noch von einer Einstellhalle etwas zu sehen: Schon am nächsten Tag wurde damals die östliche Fassade mit Seil und Bagger geschleift, um ein unkontrolliertes Einstürzen zu verhindern. Der Partner seiner Schwester kam mit seinem Bagger vorbei. Gloor hat das Knicken des Giebels heute noch in einem Fotoalbum dokumentiert.

Die Steine der Mauern wurden entsorgt oder von Nachbarn für Natursteinmauern abgeholt, die gut erhaltenen alten Balken nahm ein Gebäudesanierer mit. Die Biberschwanzziegel hingegen waren zu beschädigt, um sie weiter verwenden zu können. Bis im folgenden Sommer schliesslich war der ganze Platz geräumt und frisch angesät worden.

Doch keine Einstellhalle

Doch aus der geplanten Einstellhalle, der buchstäblich nichts mehr im Wege gestanden wäre, wurde dennoch nichts. Ihr Bau war Gloor auch mit weniger strengen Vorlagen noch zu teuer und ausserdem wolle er die Nachbarn nicht mit seinem Car stören, sagt Gloor heute. Dieser steht nun immer noch im Industriegebiet. Hans Conrad hat auf seinem Grundstückteil eine kleinere Garage gebaut.

«Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie es damals aussah», sagte Conrad gestern, als er auf die leere Wiese blickte. Angst haben die beiden auch heute keine vor Stürmen, auch wenn sie die Kraft des Windes aus nächster Nähe erfahren haben. Über die Hilfe von «Lothar» können Conrad und Gloor noch heute lachen. Der Orkan hinterliess hier ausnahmsweise gute Erinnerungen.