Beratungszentrum Baden
Kokain und Alkohol stehen in der Region zu hoch im Kurs

Mehr Kokainabhängige, Rauschtrinker und Kriseninterventionen – im letzten Jahr hatte das Beratungszentrum Baden alle Hände voll zu tun.

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Berater

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Aargauer Zeitung

Katja Schlegel

«Der Kokainkonsum wird zunehmend zum Problem», sagt Madeleine Bielmann, Bereichsleiterin des Beratungszentrums Bezirk Baden. Hier wurden letztes Jahr 35 Klien-ten mit Kokainsucht betreut, 7 Personen mehr als 2007. Auch wenn die Zahlen verhältnismässig klein sind, täuschen sie nicht über die Problematik hinweg: Kokain ist auf dem Vormarsch. Auch in der Region.

Den Grund für diesen Boom sieht Stellenleiter Michael Schwilk im extrem tiefen Preis. «Ein Gramm Kokain kostete früher rund 400 Franken - heute liegen wir bei 80 Franken.» Und hier, in den immer tiefer werdenden Beschaffungskosten, lauert die nächste Gefahr: Das Kokain wird von den Dealern gestreckt. Und das wiederum kann, je nach beigemischter Substanz, lebensgefährlich werden.

Das Beratungszentrum Bezirk Baden

Das Beratungszentrum wurde 1982 gegründet und ist eine Anlaufstelle für junge Menschen von 12 bis 25 Jahren, für Eltern und Bekannte sowie für alle suchtabhängigen Menschen im Bezirk Baden. Das Team befasst sich hauptsächlich mit Beratung, Therapie und Früherfassung. Diese Angebote sind kostenlos, das Personal untersteht der Schweigepflicht.
Getragen wird das Beratungszentrum vom Verein Beratungszentrum Bezirk Baden. Dieser setzt sich aus Vertretern der politischen Gemeinden und der Kirchgemeinden des Bezirks Baden zusammen. Die Angebote des Beratungszentrums werden durch den Kanton (Bereich Drogen), Gemeinden des Trägervereins (Bereich Jugend) und jeweilige Interessenträger (Bereich Projekte und Schulsozialarbeit) finanziert.
www.beratungszentrum-baden.ch

Die Krux mit dem Kokain

Das Heimtückische an Kokain: Man sieht den Konsumenten den Konsum nicht an. «Die Leute funktionieren einwandfrei, können unter Kokaineinfluss sogar Höchstleistungen erbringen», sagt Bielmann. Die Konsumenten, so genannte Kokainisten, seien mehrheitlich älter als 25 und gesellschaftlich gut integriert. Oft fällt das Drogenproblem erst auf, wenn auch gesellschaftliche Probleme - wie beispielsweise finanzielle Schwierigkeiten oder Beziehungsprobleme - auftauchen.

Ist es erst einmal so weit, ist eine Behandlung oft schwer. «Kokain macht psychisch und nicht körperlich abhängig», sagt Schwilk. Das Problem sei also nicht der körperliche Entzug, sondern das Verringern oder Unterbinden der Lust. Und dafür gibt es - nicht wie bei Alkohol oder Heroin - keinen Medikamenten-Ersatz. «Die Behandlung eines Kokainisten ist oft schwierig», sagt Bielmann. Die Klienten seien wenig zugänglich und hätten Vorbehalte gegen eine Behandlung.

Alkohol - Königin der Drogen

Droge Nummer 1 ist aber der Alkohol: 240 der 290 im letzten Jahr behandelten Klienten im legalen Suchtbereich haben ein Alkoholproblem - mehr als bei jeder anderen Sucht. Und die Zahl der zu Beratenden dürfte auch weiter steigen, denn insbesondere bei jungen Frauen sei der Alkoholkonsum bedenklich in die Höhe geschnellt. «Dank süssen Mixgetränken ist Alkohol nicht mehr ‹gruusig›, sondern lässt sich trinken wie Sirup», sagt Bielmann.

Die Folgen dieses Trends hat das Beratungszentrum bislang noch nicht zu spüren bekommen, aber man wappnet sich. «Es dauert immer eine Weile vom Auftreten des Phänomens bis zu dem Moment, in dem die Leute zu uns kommen», sagt Bielmann. Oft kommen Konsumenten erst in die Beratung, wenn sie bereits eine ausgeprägte Sucht entwickelt haben oder sie von der Justiz dazu verknurrt werden.

Einzigartige Zusammenarbeit

Die Tätigkeit des Zentrums beschränkt sich nicht nur auf die Suchtberatung: Ein Drittel der Klienten wird im Bereich Jugendberatung betreut. Hier stehen insbesondere Jugend-, Entwicklungs- und Familienprobleme im Vordergrund. Während in diesen Bereichen die Anteile steigen, sind die Beratungsgespräche zum Thema Schule und Lehre rückläufig.

Zurückzuführen ist dieser Rückgang auf die kantonal einzigartige Zusammenarbeit des Beratungszentrum mit den regionalen Schulsozialarbeitern und Schulleitungen: Dieses Modell dient der Früherfassung von Entwicklungsproblemen bei jungen Menschen und verknüpft die Bereiche Früherfassung, Beratung und Therapie. Konkret beinhaltet das Modell unter anderem die Weiterbildung und Beratung von Lehrkräften, das Durchführen von öffentlichen Veranstaltungen und Projektarbeiten sowie die Intervention in Krisensituationen. Schwilk: «Wenn ein komplexes Problem innerhalb der Klasse besteht - beispielsweise Mobbing -, arbeitet unser Personal vor Ort mit der ganzen Klasse zusammen.»

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