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König kann nur einer sein

Die tägliche Portion Meiereien aus der Aargauer Zeitung.

Jörg Meier

Die Kindergärtnerin hatte die Kinder sorgfältig auf den Dreikönigstag vorbereitet. Sie hatte ihnen die Geschichte von den Heiligen Drei Königen erzählt. Sie hatte mit ihnen die Namen Kaspar, Melchior und Balthasar geübt und das Sternsinger-Lied. Sie hatte ihnen die Bedeutung des 6. Januars in verschiedenen Kulturen und Religionen erklärt, hatte darauf geachtet, dass kein Kind sich aufgrund seiner Herkunft oder Religion ausgeschlossen fühlen musste. Und sie hatte ihnen den Brauch mit dem Dreikönigskuchen nähergebracht.

Für den Dreikönigstag selber hatte sie sich etwas Besonderes einfallen lassen: Sie liess beim Bäcker im Dorf drei Königskuchen backen, die je sechs Könige enthielten, in jedem Kuchenstück einen. Damit jedes Kind seinen König finden würde und entsprechend König sein konnte. Die Kindergärtnerin erhoffte sich dadurch, dass es so für einmal nur Gewinner, nur Könige und Königinnen geben würde. Entsprechend hatte sie auch 18 Kronen gepostet, für jedes Kind eine.

Die Ernüchterung folgte, als die Kindergärtnerin am Dreikönigstag den Kindern die mit Königen gespickten Kuchen anbot. Ein Bub war der Schnellste, er jubelte, dann, fast im Sekundentakt, fanden auch alle andern ihren König. Die Kindergärtnerin verteilte allen eine Krone. Doch es wollte keine rechte Stimmung aufkommen. «Das geht doch nicht», reklamierte schliesslich ein Bub, «es können nicht alle Könige sein. König kann nur einer sein. Und die andern müssen ihm gehorchen. Sonst ist das doof.» Ein anderer Bub stellte fest: «Mädchen können gar nicht Könige sein. Höchstens Prinzessinnen.»

Da beschloss die Kindergärtnerin, nächstes Jahr den Dreikönigstag einfach zu ignorieren.

joerg.meier@azag.ch

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