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Klippenspringer wird Jugendarbeiter

Im April nächsten Jahres tritt Daniel Locher die Stelle als Jugendarbeiter in der Kirchgemeinde Rohrbach an. Daneben stellt er Schmuck her.

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Daniel Locher

Daniel Locher

az Langenthaler Tagblatt

Johannes Reichen

Es wäre für Daniel Locher die einfachste Sache der Welt, die Jungs und Mädchen von Rohrbach zu beeindrucken. Bald ist er ihr Jugendarbeiter, angestellt von der reformierten Kirche. Dann könnte er sie einfach in einen Bus verfrachten und mit ihnen ans Wasser fahren. Er müsste sich auf eine hohe Klippe stellen, in die Tiefe springen und ein paar Kunststücke vollführen. Den Jugendlichen würde das bestimmt gefallen.

Doch Locher springt jetzt nicht mehr. Er war einmal Klippenspringer, reiste zu Wettkämpfen um die Welt. Er gehörte zur Weltspitze. «Diese Zeit ist abgelaufen», sagt er. Nun hat er ein eigenes Unternehmen und vor allem eine Familie - das ist jetzt wichtiger.

Von der Stadt ins Dorf

Eine neue Zeit beginnt bald für Daniel Locher. Am 1. April 2010 tritt er die Stelle als Jugendarbeiter in der Kirchgemeinde Rohrbach an. Zuvor noch, im Januar, beendet er sein Theologiestudium. Er ist 26 Jahre alt, verheiratet und hat mit seiner Frau zwei Kinder. Derzeit leben sie in Bern. Im April werden Lochers aber nach Rohrbach umziehen. «Wir freuen uns sehr darauf», sagt er, «Leute kennenzulernen und mit ihnen zusammenzukommen.»

In Rohrbach wird er eine 50-Prozent-Stelle besetzen - und weiterhin Schmuck herstellen. Zusammen mit seiner Frau betreibt der angelernte Polymechaniker in Ostermundigen ein Unternehmen. Hier fabrizieren sie Ringe, Anhänger, Ohrstecker, vorwiegend aus Karbon und Titan.

Die wichtigen Fragen

Locher ist in Ittigen aufgewachsen und in einer Pfingstgemeinde gross geworden. Als 16-Jähriger wechselte er zur reformierten Kirche. «In Ittigen gab es eine lebendige Landeskirche», sagt er. «Die alte reformierte Tradition hat mir sehr entsprochen.» Einen grossen Gegensatz sieht er allerdings nicht.

In der Freikirche, in der er Mitglied war, und bei den Reformierten gehe es um die gleichen Fragen - vor allem um die «Beziehungshaftigkeit zwischen Mensch und Gott, von Mensch zu Mensch und vom Menschen zu sich selbst», sagt er.

Diese Fragen werden auch in seiner Arbeit als Jugendarbeiter in Rohrbach zentral sein. «Die Beziehungslosigkeit ist eine Zeiterscheinung», sagt Locher. «Wie überall wollen die Jugendlichen wahr- und ernstgenommen werden.» Darin sehe er eine Verantwortung der Kirche - den «jungen Menschen einen Namen und ein Gesicht zu geben». Er will es tun. «Wenn sie sich entwickeln können und wachsen können, dann hat die Jugendarbeit ihre Aufgabe erfüllt.»

Die Tätigkeiten in der Kirchgemeinde werden vielfältig sein. Um die Jungschar, Jugendtreffs, ein Musicalprojekt oder um Lagerwochen wird sich Locher kümmern. Diese Jugendarbeit ist aber klar ein kirchliches Angebot, «und das entspricht auch meiner Überzeugung».

Ein willkommener Vorschlag

Locher freut sich auf die neue Stelle. Er war es ja auch, der die Kirchgemeinde überhaupt auf die Idee gebracht hatte. 2006 hatte er dort ein Praktikum absolviert. Im Mai rief er wieder an - und machte den Vorschlag, zusammen mit seiner Frau eine Jugendarbeit aufzubauen. Dank seines Geschäfts könne er auch auf einen Teil des Lohnes verzichten.

Am 6. Dezember hat die Kirchgemeinde dem Antrag des Kirchgemeinderats zugestimmt. Geld ist nicht besonders viel vorhanden. Die Stelle wird dank Spenden ermöglicht. Auf die Einkünfte aus dem Schmuckgeschäft werden Lochers - und die Kirchgemeinde - auch zukünftig angewiesen sein.

Weit voneinander entfernt scheinen Kirche und Schmuck nicht zu sein. Auf der Website von Daniel Lochers Schmuckunternehmen geht es auch um Nächstenliebe: «Schmuck bedingt Vertrauen. Vertrauen setzt Begegnungen voraus. Aus Begegnung wächst Vertrauen, das sich gerne schmückt.»