Christian Dorer, Jessica Pfister

Gregory Knie erscheint im weissen Trainer zum Interview in einem Restaurant im Hauptbahnhof Zürich. Er bestellt einen Vervène-Tee: Das Guetzli, das es dazu gibt, lässt er unberührt. Gleich danach will er ins Fitnesscenter und am Abend steigt eine Party: Am Freitag, als das Gespräch stattfindet, wird Gregory Knie 32.

Herzliche Gratulation! Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?
Gregory Knie: Das tönt jetzt vielleicht etwas banal: Gesundheit.

Das ist wohl nicht der meistgenannte Wunsch von 32-Jährigen.
Knie: (nachdenklich) Ich habe eben einen Freund besucht, der Krebs hat. Da wird einem bewusst, was wirklich zählt. Das T-Shirt, das man im Leben trägt, hat keine Taschen - man kann nichts mitnehmen. Das ist jetzt ein etwas schwerer Einstieg ins Interview.
Müssen denn Zirkusleute immer fröhlich sein?
Knie: Ich bin ein fröhlicher Mensch. Ich habe alles, um glücklich und zufrieden zu sein.

Und was wünschen Sie sich für Ihren Zirkus?
Knie: Eine mindestens so gute Saison wie die vergangene: ein gelungenes Programm, zufriedene Zuschauer, keine Unfälle.

Was ist ein gutes Programm?
Knie: Es muss dem breiten Publikum gefallen - und nicht den Kunstkritikern. Die können noch so herumnörgeln, es ist nicht entscheidend: Die Kunstszene - Opern, Schauspielhäuser etc. - wird staatlich gefördert, die können auch Nischenprodukte machen und überleben trotzdem. Wir müssen uns selber finanzieren und müssen dazu unser Publikum auch in diesem Jahr überraschen.

Wie werden Sie das machen?
Knie: Am besten schauen sich das alle Ihre Leserinnen und Leser selber an. (lacht) Niemand legt so viel Wert auf Details wie wir. Für einen optimalen Mix suchen wir Artisten und Kostüme auf der ganzen Welt zusammen. Dieses Mal haben wir eine Rock-Band, die in die Show integriert wird, Flugzeuge, die durch die Manege fliegen . . .

. . . und besonders viel Erotik, haben Sie angekündet.
Knie: Ja, ein Ehepaar wird miteinander die Liebe spielen. Das bringt einen ganz neuen Reiz rein. Und ist natürlich sexy.

Passt das in einen Zirkus?
Knie: Wer sieht nicht gern schöne Menschen? Da darf man ruhig etwas Fleisch sehen. Natürlich nicht oben ohne und nur im dünnen Höschen, das wäre billig. Okay, vielleicht geht diese Nummer gewissen Leuten zu weit, aber man kann nie alle zufriedenstellen.

Was für Zirkusnummern sind derzeit in Mode?
Knie: Das ist wie bei den Kleidern: Wenn man die Mode erkennt, ist sie schon fast wieder vorbei. In jüngster Zeit waren es schwere, melancholische, dramatische Nummern. Artisten aus dem Osten haben diesen Trend mitgebracht, da gibt es gute Nummern. Ist trotzdem nicht so mein Ding. Wir versuchen lieber, die Zuschauer aufzuheitern.

Öffnen sich einem Knie eigentlich alle Türen?
Knie: Klar, in den Königshäusern werden die roten Teppiche ausgerollte! (lacht laut heraus) Nein, Quatsch! Klar hat die Familie Knie in Zirkuskreisen ein enormes Beziehungsnetz. Und das hilft auch. Wegen des berühmten Namens wird es dann dafür beim Verhandeln der Gage umso schwieriger, weil jeder meint, die haben doch sicher Geld, und den Preis erhöht.

Stimmt das?
Knie: Nein! Auch wir müssen um jeden Franken kämpfen.

Weihnachtszirkusse sind im Trend. Wird es nicht auch für Sie härter?
Knie: Unser härtester Konkurrent ist das Fernsehen. Die Leute hocken daheim, statt dass sie rausgehen. Bis in die 60er-Jahre war der Zirkus der Hit schlechthin. Heute meinen die Leute, sie können alles im Fernsehen erleben. Ich selber habe seit acht Jahren keinen Fernseher mehr, ich habe da nur meine Zeit verschwendet.

Was machen Sie denn statt Fernsehen?
Knie: Das erstaunt Sie jetzt, was? Ich komme meist ziemlich spät heim, manchmal schau ich dann auf dem Internet noch gezielt etwas zu einem Thema nach. Das Internet ist eher mein Medium.

Und Life-Shows?
Knie: Besuche ich oft, vor allem spezielle Dinge. Ich reise auch mal für eine Vorführung nach Las Vegas oder New York. Dorthin eben, wo es schräge Dinge zu sehen gibt. Vieles vermischt sich da mit der Arbeit, wobei Zirkus eigentlich kein Beruf ist, sondern eine Passion.

Sie sind schon als Knirps in der Manege aufgetreten.
Knie: Ja, als Peter Pan! Das war meine erste Nummer im Knie, die Eröffnungsnummer. Ich war in einer Zauberkiste versteckt, eine Fee öffnete die mit einer Explosion, ich sprang auf die Ponys und galoppierte so hinaus.

Dann war es für Sie immer klar, später auch ins Zirkusgeschäft einzusteigen?
Knie: Nein, eigentlich nicht. Ich stand selbst nur bis zu meinem sechsten Lebensjahr in der Manege, dann bin ich sozusagen normal aufgewachsen. Als ich 13 war, sind wir nach Mallorca gezogen, später haben wir in Costa Rica gelebt und mein Studium habe ich schliesslich in den USA abgeschlossen. Ich habe lange auch nicht mit dem Gedanken gespielt, in den Zirkus zurückzukehren. Bis mein Vater vor acht Jahren mit der Idee kam, Salto Natale zu gründen.

Was hat Sie überzeugt?
Knie: Dass es ein völlig neues Konzept ist, da wir ja nicht mit der Circus Knie konkurrenzieren wollen. Deshalb ein Winterzirkus ohne Tiere, dafür mit einer Mischung aus Artistik, Theaterkunst und Livemusik. Ich war neugierig und wollte es zusammen mit meinem Vater probieren.

Wie gehen Sie damit um, dass Sie im Schatten Ihres berühmten Vaters stehen?
Knie: Jeder Mensch wirft sein eigenes Licht und seinen eigenen Schatten. Ich habe keine Neurose, was meinen Vater betrifft, denn ich nehme ihn auch nicht als berühmte Person wahr, sondern als meinen Dad.

Aber Sie waren auch schon verkracht . . .
Knie: Wer sagt so etwas? Das stimmt überhaupt nicht. Ich habe kaum Streit, weder mit meinem Vater noch mit meinen Mitarbeitern. Ich flippe selten aus, sehe das sogar als Schwäche. Wichtig ist, miteinander über Probleme zu reden. Das kann ich mit meinem Vater gut.

Vater - Sohn. Wie funktioniert das im Alltag?
Knie: Im Sommer sind wir gemeinsam im Atelier in Mallorca. Dort entwickeln wir Ideen, machen uns Gedanken über das Programm, über die Künstler. Ich bin dann derjenige, der auch in Zürich im Büro sitzt und mich um operative Dinge kümmert.

Sie haben einen Uni-Abschluss: Könnten Sie sich vorstellen, einem ganz normalen Job nachzugehen?
Knie: Was heisst schon normal? Mein Job ist für mich auch normal. Wichtig ist die Abwechslung. Und die habe ich im Zirkus. Ich kann in diverse Rollen schlüpfen. Einmal bin ich Kreativkopf, dann wieder Gastronom, Supervisor, Parkplatzanweiser. Das ist schon einzigartig.

Letztes Jahr sorgten Sie mit einer getürkten Affäre mit einer Berliner Schauspielerin für Schlagzeilen. Geniessen Sie das Rampenlicht?
Knie: Das war ein PR-Gag - ein doofer, muss ich im Nachhinein zugeben. Eine deutsche Zeitung mit vier grossen Buchstaben kam auf mich zu und wollte diese Story machen. Ich war damit einverstanden, mich mit der Schauspielerin abzulichten, unter der Voraussetzung, dass die Fotos nur in Deutschland erscheinen. Ich dachte, das könnte gut sein, weil wir in Berlin auftraten.

War das nicht ein wenig naiv?
Knie: Ich war sicher zu gutgläubig. Eins kam zum anderen und es wurde zu einer riesigen Geschichte.

Und wie haben Sie das Ihrer Freundin in der Schweiz erklärt?
Knie: Wir habe die Sache im Voraus besprochen. Sie war aber von Anfang an skeptisch.

Gibt es die Freundin noch?
Knie: Nein, aber nicht wegen dieser PR-Geschichte. Ich bin Single. Man kann sich bei mir bewerben. (lacht)

Wie merken Sie überhaupt, dass eine Frau an Ihnen und nicht am Namen Knie interessiert ist?
Knie: Darum interessiere ich mich nur für Ausländerinnen. Die kennen den Namen Knie nicht. Nein, Spass beiseite. Es ist tatsächlich nicht einfach. Klar, werde ich manchmal ausgenützt. Ich habe aber auch keine Lust, die Absichten der Leute immer zu hinterfragen.

Wenn Sie aber die richtige Frau gefunden haben, gibt es Knie-Nachwuchs.
Knie: Ja, wieso nicht. In Zukunft möchte ich sicher mal eine Familie gründen.

Was haben Sie für Träume im Leben?
Knie: Ich möchte noch viele Länder erkunden. Und da ich seit kurzem ein begeisterter Kite-Surfer bin, zieht es mich vor allem dort hin, wo Winde wehen.

Wollen Sie in Zukunft auch mal wieder selbst in der Manage stehen?
Knie: Uh, da müsste ich schon intensiv üben und trainieren. Aber wer weiss: vielleicht mit einer Kitesurf-Nummer.

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