IM OBEREN FREIAMT, so erzählt man sich, da lebe einer, Hubert mit Namen, der habe eine ganz eigene Auffassung von Halloween. Das habe wohl, wird weiter vermutet, mit Huberts österreichischen Wurzeln zu tun: Huberts Urgrossvater mütterlicherseits war Fiaker in Wien, mit Standplatz vor dem Burgtheater, als es die Donau-Monarchie noch in voller Grösse gab. Hubert arbeitet als Chauffeur in der Innerschweiz.

HUBERT WEISS ETWAS, was sonst keiner weiss. Hubert weiss, woher die Bezeichnung «Halloween» tatsächlich stammt. Dass ihm das keiner wirklich abnimmt, stört ihn nicht weiter. Und die Leute im Dorf lassen ihm seine Überzeugung; leben und leben lassen, gilt im Oberfreiamt. Zumindest, was Hubert und Halloween betrifft. Mehr noch, im Dorf schätzt man Hubert. Ohne ihn gäbe es am 31. Oktober nur den ganz gewöhnlichen, dumpf-blöden Import-Halloween.

AUCH HEUTE ABEND zieht Hubert wieder die vom Urgrossvater geerbte Fiaker-Uniform an, füllt den kleinen Lastwagen mit Sachertorten und fährt von Haus zu Haus. Er klingelt an jeder Tür, zieht die Melone und ruft fröhlich und ordentlich laut: «Hallo Wien!» Die Leute im Dorf wissen inzwischen, was sie antworten müssen. Sie rufen «Keine Worte, lieber Sachertorte». Und erhalten dafür von Hubert ein feines Stück Torte, frisch importiert aus der Donaumetropole.

GENAU SO MÜSSE «Hallo Wien» gefeiert werden, sagt Hubert. Der Brauch stamme aus dem mittelalterlichen Wien, sei ursprünglich eine symbolische Winterbescherung für die arme Bevölkerung gewesen. Aber die Amerikaner hätten wieder alles übernommen und dann verhunzt.

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