Keine Notschlafstellen im Aargau - Obdachlose müssen nach Zürich

Jeder hat das Recht auf ein Dach über dem Kopf. Im Aargau ist es aber schwierig, wenn man im Notfall etwas finden will. Das ist eine Lücke, meinen Fachleute.

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obdachlose

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bz Basellandschaftliche Zeitung

Maja Sommerhalder

Obdachlosigkeit gibt es im Kanton Aargau nicht - zumindest existiert keine Notschlafstelle. Auch andere Plätze, wo man kurzfristig Unterschlupf findet, gibt es kaum. «Offenbar besteht kein Bedarf», meint Cornelia Breitschmid vom kantonalen Sozialdienst. Fred Grob, Diakon des Begegnungszentrums Hope in Baden, ist aber der Meinung, dass es in grösseren Städten im Kanton ein Angebot braucht: «Es besteht eine Lücke.»
Im Hope können sozial benachteiligte Menschen essen und werden beschäftigt.

Allerdings ist es bloss tagsüber geöffnet: «Gerade jetzt im Winter fragen wöchentlich Menschen nach einem Schlafplatz.» Grob versucht sie dann jeweils bei einer Familie unterzubringen oder nimmt sie bei sich auf. «Sie würden erfrieren bei diesen Temperaturen.» Allerdings sei es manchmal kaum möglich, auf die Schnelle ein Plätzchen zu finden: «Sie kommen ja manchmal am späten Abend.» Viele Aargauer Obdachlose wenden sich dann an die Zürcher oder Oltner Notschlafstelle. «Es kann doch nicht sein, dass man die Aargauer einfach in andere Kantone abschiebt.» Die Politik sei gefragt.

«Sind kaum integrierbar»

Wie viele Menschen im Kanton Aargau keinen festen Wohnsitz haben, ist unklar. Grob glaubt aber, dass es in den nächsten Jahren mehr werden. Drogen, psychische Probleme oder sonstige Lebenskrisen seien Gründe für die Obdachlosigkeit: «Obdachlose sind durch sämtliche Maschen unseres Sozialsystems gefallen - häufig sind sie kaum integrierbar.» Vielfach kämen noch Schwierigkeiten mit Freunden, Familie oder den Vermietern dazu. Der klassische Obdachlose, der während Jahren unter einer Brücke übernachtet, sei aber im Aargau selten. «Die meisten sind temporär obdachlos, wenn sie beispielsweise bei einem Beziehungsdelikt aus ihren Wohnungen geworfen werden», so Grob.

Doch gerade diese Menschen brauchten in ihrer Not einen Ort, wo sie kurzfristig Unterschlupf finden: «Natürlich hat in unserem Sozialstaat jeder das Recht auf ein Dach über dem Kopf. Nur ist es für die Ämter nicht möglich, innerhalb von wenigen Stunden etwas zu organisieren.» Viele Obdachlose seien auch nicht fähig oder schämten sich, vom Staat Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Anlaufstelle für Obdachlose

Auch in der Region Aarau gibt es keine Anlaufstelle. Jeannine Meier, Leiterin der städtischen sozialen Dienste, meint, dass kein Bedarf bestünde: «Vor vielen Jahren gab es sogar eine Notschlafstelle. Diese wurde geschlossen, weil sie schlecht besucht war.» Heute würden Obdachlose in Pensionen einquartiert: «Wenn die Ämter geschlossen sind, hilft die Polizei.»

Einige Obdachlose klopfen auch bei der Stiftung Lebensschritt in Gränichen an, wie Leiter Daniel Wälchi bestätigt: «Wir sind aber nicht dafür eingerichtet, um Obdachlose kurzfristig aufzunehmen.» Manchmal drücke er aber ein Auge zu. Geld bekommt er allerdings keines dafür. Auch er findet, dass es eine Anlaufstelle für Obdachlose braucht. Für Wälchi muss dies aber nicht unbedingt eine Notschlafstelle sein: «Ich denke mehr an eine Koordinationsstelle, die sagen kann, wo ein Zimmer frei ist.» Betten gebe es, nur sei es in der Not schwierig, etwas zu finden. Die Heilsarmee in Reinach betreibt ein Notbett. «Der Bedarf ist gross. Eigentlich ist es fast immer ausgebucht», sagt Sozialarbeiterin Cindy Berschti. Nicht selten müssten sie Leute abweisen. Deshalb will man hier das Angebot ausbauen: «Wir hoffen, dass wir so diese Lücke ein Stück weit schliessen können.»