«Keine Gefechtsköpfe»

Nordkoreas Atomprogramm braucht noch Jahre, bis es militärisch ernst zu nehmen ist, sagt der Nordkorea-Experte Hans-Joachim Schmidt.

Drucken
Teilen
nordkorea.jpg

nordkorea.jpg

Keystone

Christoph Bopp

War der gestern angekündigte Atomtest Nordkoreas erfolgreich oder nicht?

Hans-Joachim Schmidt: Man hört Widersprüchliches. Es kann durchaus auch ein Flop gewesen sein wie im Oktober 2006. Nach ersten Meldungen sieht es jedoch so aus, als wenn die Nordkoreaner dieses Mal erfolgreicher gewesen wären.

Arbeiten die Nordkoreaner mit Plutonium oder mit Uran?

Schmidt: Hoch angereichertes Uran haben die Nordkoreaner mit Sicherheit nicht genug für eine Bombe. Nach eigenen Ankündigungen verfügen sie über 37 Kilogramm waffenfähiges Plutonium, das könnte für mindestens 6 weitere Sprengkörper der jetzigen Art reichen.

HANS-JOACHIM SCHMIDT Seit 1982 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Autor mehrerer Beiträge zu Nordkorea.

HANS-JOACHIM SCHMIDT Seit 1982 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Autor mehrerer Beiträge zu Nordkorea.

Aargauer Zeitung

Beherrschen die Nordkoreaner die Technologie, einen Gefechtskopf zu bauen, der auf eine Rakete gesetzt werden kann?

Schmidt: Nein, das können sie nicht. Sie sind vielleicht in der Lage, einen nuklearen Sprengkörper zu bauen. Aber der würde zwischen 2 und 4 Tonnen wiegen. Eine Rakete atomar bestücken können sie nicht. Die Frage ist, ob sie den Sprengkörper an ein Flugzeug anhängen können. Sie haben einen russischen leichten Bomber (L-29), aber ob der das kann, erscheint mir auch fraglich. Also ginge es höchstens mit Schiffen oder mit einem Lastwagen. Sie könnten diesen Sprengkörper in Grenznähe transportieren und dort detonieren lassen, bei entsprechender Windrichtung auch weite Gebiete atomar verseuchen. Die militärische Nutzbarkeit des Programms ist relativ gering.

Wie weit ist der zeitliche Horizont, bis zu dem man das Potenzial der Nordkoreaner fürchten muss?

Schmidt: Sie müssen zuerst einen funktionierenden Sprengsatz bauen können. Dann müssen sie ihn miniaturisieren, damit er auf eine Rakete gesetzt werden kann. Beides müssen sie testen. Das wird mit Sicherheit mehrere Jahre dauern. Bei der Entwicklung von Wiedereintrittskörper-Raketen-Technologie könnten ihnen Iran oder Pakistan helfen. Aber wie die Kooperation zwischen diesen Ländern genau funktioniert, ist weitgehend unbekannt.

Welche Trägersysteme besitzt Nordkorea?

Schmidt: Nordkorea hat Kurz- und Mittelstreckenraketen. Es hat noch keine Interkontinentalraketen. Seit 1998 hat es drei Versuche gestartet, aber alle sind schiefgegangen. Der letzte war Anfang April, da liess sich die zweite Stufe nicht absprengen. Die Taepodong-2 soll eigentlich 6500 Kilometer weit fliegen, aber über diese Reichweite gibt es keine Tests. Bis jetzt ist es eine Glaubensfrage, ob Nordkorea Interkontinentalraketen besitzt.

Was wollen die Nordkoreaner eigentlich mit ihrem Atomprogramm?

Schmidt: Nordkorea möchte als Nuklearmacht anerkannt werden. Sie haben sogar angeboten, sich wie eine «verantwortungsbewusste Atommacht» zu verhalten. Aber das wird niemand akzeptieren. Es wird jetzt davon abhängen, ob der UNO-Sicherheitsrat geschlossen reagiert. Entscheidend wird sein, ob China und Russland die Androhung von Sanktionen mittragen. Nordkorea hängt an ihrem Tropf. Es muss schnellstmöglich an den Verhandlungstisch zurückkehren und sein Atomprogramm stoppen. Auch im Interesse der eigenen Bevölkerung: Man muss der nordkoreanischen Elite klarmachen, dass die Erpressung der internationalen Gemeinschaft so nicht funktioniert. Zum Überleben ihrer Bevölkerung helfen ihnen Plutoniumsprengsätze nicht.

Aktuelle Nachrichten