EDGAR ZIMMERMANN

Die Erwartungen an die Resultate der Campusgrabungen, für welche der Kanton 10 Mio. Franken freigegeben hatte, seien weit übertroffen worden, sagt Elisabeth Bleuer. Es wurden wertvolle neue Erkenntnisse über diese Handwerker- und Gewerbesiedlung vor den Toren des Legionslagers gewonnen. Erfreulicherweise können drei vorzüglich erhaltene Töpferöfen geschützt und in die künftige Überbauung integriert werden, dies an viel begangener Lage: an der Treppe zur geplanten Tiefgarage. Die Töpferöfen werden ihres Standortes wegen nicht zu einer zusätzlichen Station des Legionärspfades, sie werden aber ein Bindeglied sein zwischen Legionärspfad und Vindonissa-Museum.

Mehr als zwei Millionen Funde

Bis zu 60 Mitarbeitende standen unter der Leitung von Caty Schucany bei den Grabungen auf dieser 25000 Qua-dratmeter grossen Fläche im Einsatz, und sie bargen über 2 Millionen Funde, darunter etwa eine steinerne Sonnenuhr, die bereits im Vindonissa-Museum Aufstellung fand, eine sensationelle Bauinschrift beim neu entdeckten Merkurtempel und, als krönenden Abschluss, das Steinrelief einer Göttin. Dieses wird voraussichtlich im neu gestalteten Museums-Steingarten mit Wandelhalle (Lapidarium) und neuem Stahlbau platziert; die Einweihung dieser Anlage erfolgt im Herbst. Apropos Museum: Dessen Umbau und Sanierung konnte mit der Eröffnung des Obergeschosses im letzten Oktober abgeschlossen werden. Um die 13000 Personen fanden sich 2009 zum Besuch ein und zeigten sich begeistert vom Ausstellungsgut und Gestaltungskonzept. Die Sonderausstellung «Das Vindonissa-Museum. Ein Gesamtkunstwerk zwischen Jugendstil und Antike» wird bis zum 15. August verlängert. Alsdann folgt eine von England übernommene Ausstellung des Zeichners Graham Summer, der das römische Militär, Soldaten und Ausrüstungsgegenstände, minuziös festgehalten hat – ein Thema, das auch in Bezug zum Militärlager Vindonissa von grossem Interesse ist. Der traditionelle Römertag beim Museum ist auf Sonntag, 2. Mai, angesetzt und dürfte wieder zu einem Highlight werden.

Forum oder was sonst?

Mit dem Abschluss der Grossgrabung Campus kann der Bestand an temporären Ausgräbern und Ausgräberinnen etwas reduziert werden, aber nicht stark. Denn weitere Grossgrabungen sind im Gang, zum einen auf der Fehlmannwiese in Windisch, zum andern und vor allem im Bäderquartier in Baden. Auf der Fehlmannwiese vermutete man jahrzehntelang den Standort des Forums mit Markt- und Verkaufsständen und -räumen. Mit Aussenmassen von 150×125 m handelt es sich um einen der grössten römischen Steinbauten der Schweiz. Die Fundamente sind hervorragend erhalten. Die Archäologen sind aber irritiert, weil der riesige Innenhof entgegen den klassischen Fora frei von Bauten wie beispielsweise einem Tempel oder einer Versammlungshalle war. Das Grabungsteam unter Leitung von Beat Wigger hofft, noch in diesem Jahr Aufschluss über den genauen Verwendungszweck zu erlangen. Vermutlich ist der Bau gleichzeitig wie das Amphitheater erstellt worden. Bei Letzterem schreitet die Sanierung fristgemäss voran. Dank Hinweisen eines römischen Wissenschafters, der die Rekonstruktion des archäologischen Parkes Carnuntum bei Wien mitbetreut, konnten neue Erkenntnisse zu den Schichtanschlüssen ans Mauerwerk und damit zum Aufbau des hiesigen Amphitheaters gewonnen werden. Die Einweihung der sanierten Anlage ist 2011 vorgesehen.

Römischer Abwasserkanal

Weitere intensive Untersuchungen galten 2009 dem römischen Abwasserkanal an der Westfront des Legionslagers von Vindonissa, der auf einer Länge von fast 200 m bekannt ist und ausserordentlich sorgfältig erbaut worden war. Mit einem durchschnittlichen Gefälle von 6 Promille leitete er das Abwasser aus dem Lager der Aare zu. Er wurde als Station des Legionärspfades für die Besucher erschlossen, ebenso wie u.a. das West-, Nord- und Südtor, denen 2009 ebenfalls zusätzliche Untersuchungen von Jürgen Trumm und seinen Mitarbeitern galten.

Bädertradition auf der Spur

Zu einer Grossgrabungsstelle analog Campus Windisch wird 2010 das Bäderquartier in Baden. «Besonders faszinierend ist die Aufgabe», so Elisabeth Bleuer, «eine 2000-jährige Bädertradition möglichst lückenlos dokumentieren zu können – von der Römerzeit über das Mittelalter bis in die Neuzeit.» Bisher kamen Baureste von Reservoirs und Bädern aus der Zeit vom 16. bis 19. Jahrhundert zum Vorschein, aber auch römische Wasserleitungen. Das Archäologenteam um Projektleiterin Andrea Schaer erwartet, in diesem Jahr bis zu den römischen Bassins vorzustossen. Man ist überaus gespannt auf die Entdeckungen.

Abgeschlossen wurden die bedeutungsvollen Grabungen in Ennetbaden, dies mit einem eindrucksvollen Fund von sehr gut erhaltenen Resten früher Holzbauten (der römerzeitlichen Siedlung am rechtsufrigen Brückenkopf.) Einige herausragende Funde aus den Ennetbadener Grabungen, so die Verfüllung einer Latrine, sind derzeit in der Neufund-Vitrine im Vindonissa-Museum in Brugg ausgestellt.

31 Ausgrabungen

Die Kantonsarchäologie registrierte im Berichtsjahr, die Einsätze der Mittelalter-Equipe inbegriffen, insgesamt 31 Ausgrabungen, 14 Sondiergrabungen, 23 Bauuntersuchungen und 38 Baubegleitungen. Im Gebiet Scheuerrain in Windisch wurde ein frühmittelalterliches Gräberfeld untersucht, und die von Peter Frey geleitete Mittelalter-Equipe legte u.a. die Ruinen einer mittelalterlichen Kapelle in Boniswil frei, untersuchte den Hauptturm von Schloss
Brunegg, begleitete und dokumentierte den Abschluss der Sanierung der Burgruine Laufenburg und stiess im Keller des ehemaligen Klosters Wettingen auf einen uralten Dörrofen. Er könnte aus der Gründungszeit des kantonalen Lehrerseminars um 1846 stammen. Augustin Keller, der erste Rektor des Seminars, hatte Pestalozzis Devise von Kopf, Herz und Hand übernommen und die Seminaristen auch in praktischen Dingen wie Gartenbau und Lebensmittelkonservierung ausgebildet.

Das Jahr 2010 wird der Kantonsarchäologie, davon ist Elisabeth Bleuer überzeugt, ebenso viel Arbeit bescheren wie das Vorjahr.