Das Wort ist eine Neuschöpfung, ein Neologimus: "Codisti". Es leitet sich ab von "coda", was wörtlich Schwanz und im übertragenen Sinn Warteschlange bedeutet.

Bisher waren "Codisti" in Italien einfach Zeitgenossen, die sich gegen Entgelt für andere bei irgendwelchen Schaltern anstellen, meist für etwa 10 Euro die Stunde. Wie der "Corriere della Sera" berichtete, wollen die "Codisti" nun als richtige Berufsleute anerkannt werden, mit eigenem, normiertem Arbeitsvertrag, Anforderungsprofil, Steuernummer und allem drum und dran. Ein Antrag an das Arbeitsministerium sei bereits abgeschickt worden, ein Brief an EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ebenfalls, sagt Initiator Giovanni Cafaro, Italiens erster Profi-Schlangesteher.

Anstehen - nichts normaler als das

Die Initiative sagt viel aus über das Land, in dem sie stattfindet. Wer einmal die Dienste der italienischen Post in Anspruch genommen hat, kennt das Problem: Man möchte - einfaches Beispiel - zehn Briefmarken kaufen. Man geht also in die Post, zieht einen Zettel mit einer Nummer - und wartet. Und wartet. Und wartet. Nach 75 Minuten leuchtet endlich die eigene Nummer über einem Schalter auf. "Briefmarken? Warten Sie einen Augenblick… Scusi, die sind leider ausgegangen… Aber vielleicht haben sie hinten noch ein paar. Ich geh' mal fragen, un attimino solo!" Der Schalterbeamte verschwindet und kehrt nach 15 Minuten wieder zurück. "Ich habe vier Stück gefunden. Wenn Sie mehr brauchen, versuchen Sie es doch beim ,tabacchaio' gegenüber."

400 Stunden im Jahr 

Das ist die milde Variante. Die verschärfte erlebt man bei den "ASL", den meist öden Anlaufstellen des staatlichen Gesundheitswesens, oder beim chronisch überlasteten "Anagrafe", dem Einwohnermeldeamt. Rund 400 Stunden pro Jahr verbringen die Italiener in Warteschlangen, schätzt die Konsumentenschutzorganisation Codacons. Das wären zwei Stunden pro Werktag.

Auch wenn das vielleicht etwas hochgegriffen sein mag - allzu weit von der Realität ist es nicht entfernt. Auf rund 40 Milliarden Euro beziffert Codacons den volkswirtschaftlichen Schaden, den die ewige Warterei im Belpaese verursacht.

Ein Vollzeit-Job 

Ein gewaltiger, fast unerschöpflicher Markt, der laut dem nationalen Statistikamt allen Renzi-Reformen zum Trotz sogar noch tendenziell wächst: Die Wartezeiten steigen. "Zum Glück wird es in Italien immer Warteschlangen geben - die auch von mir einst so gehasste Bürokratie ist zu meiner besten Verbündeten geworden", zitiert der "Corriere della Sera" die Profi-Ansteherin Irene Xotta. Bei der 41-Jährigen reichen zehn Privatkunden für einen Vollzeit-Job: Für diese steht sie sich nicht nur bei Post, Bank und Ämtern in die Warteschlangen, sondern sie hilft älteren Leuten auch beim Ausfüllen von wirren Formularen oder der Beantwortung unverständlicher Behördenbriefe. Und notfalls besorgt sie auch einmal ein Konzertticket.