Wohlen

Kein Platz mehr in Wohlen für die Mehlschwalbe?

Am frühen Morgen stimmen auch in Wohlen die Singvögel ihr Lied an. Aber ob sich auch die Mehlschwalbe wieder bei uns einfindet, ist fraglich. Die letzte Zählung ergab, dass der Vogel des Jahres 2010 aus Wohlen verschwunden ist.

Jörg Baumann

Das Ehepaar Andrea Fuchs und Thomas Burkard wohnt ländlich, in einem Einfamilienhaus an der Unteren Halde in Wohlen. Die Singvögel zwitschern jeden Morgen friedlich vor sich hin. Die Amsel ist als lauter Vorsänger nicht zu überhören. Aber die Mehlschwalbe haben die beiden Co-Präsidenten des Natur- und Vogelschutzvereins Wohlen bei ihnen im Garten aber noch nie gesehen.

Mehlschwalben auf dem Sinkflug

Der Schweizerische Vogelschutz/Birdlife Schweiz hat die Mehlschwalbe zum Vogel des Jahres 2010 erklärt. Es herrscht Alarmstimmung in Vogelschutzkreisen. «Viele glauben, die Mehlschwalbe sei nicht bedroht. Das Gegenteil ist wahr», sagen Andrea Fuchs und Thomas Burkard. Der Bestand geht seit den Neunzigerjahren dramatisch zurück. Bei der letzten Zählung, die der Verein 2004 organisierte, war die Mehlschwalbe in Wohlen bereits verschwunden. Nur noch in Anglikon bei der Kapelle ortete der Verein noch 21 Mehlschwalbennester. Nur 10 davon waren besetzt.

Mitte Mai bis Anfang Juli führt der Verein wieder in Wohlen und Anglikon eine Segler- und Schwalbenzählung durch. Ob dann die Mehlschwalbe in Wohlen aufgespürt werden kann, ist indes fraglich.

Fehlende Niststellen in Wohlen

Thomas Burkard weiss, weshalb die Mehlschwalbe Wohlen meidet. «Es fehlt an Niststellen und am Nistmaterial.» Die Mehlschwalbe ist auf lehmige und feuchte Böden angewiesen, wo sie das Material für das Nest einsammeln kann. Burkard: «In Wohlen wurden in der Vergangenheit viele Feldwege mit einem Deckbelag versehen.» Dreckige Feldwege scheinen verpönt zu sein. Ausserhalb von Wohlen, auf den offenen Landwirtschaftsflächen, gibt es sie noch. Aber auch dort werden sie zunehmend asphaltiert. Im Dorfzentrum sind sie aber verschwunden. Damit ist das Schicksal der Mehlschwalbe im Siedlungsraum besiegelt.

Nesträuber machen sich strafbar

Die Mehlschwalbe hat nicht nur den Wanderfalken, den Sperber oder den Turmfalken als natürlichen Feind gegen sich. Auch der Mensch ist ihr nicht gut gesinnt. Gerade in der Stadt sind Vogelnester unter den Hausdächern nicht gerade beliebt. Vogelnester werden regelmässig entfernt, klagen Andrea Fuchs und Thomas Burkard. «Das ist in der Brutzeit illegal und sogar strafbar», betont Burkard. Strafanzeigen gegen Nesträuber fallen trotzdem aus. «Die Singvögel haben keine Lobby - auf jeden Fall keine, die genügend Macht hat.» Burkard: «Wir müssen die Leute so weit bringen, dass sie bestehende Vogelnester dulden und nicht zerstören.»

Landesweit haben die Natur- und Vogelschutzvereine die Erhaltung der Mehlschwalbe zum Programm erklärt. In Wohlen gehen der Natur- und Vogelschutzverein und die lokale Kommission für Natur und Umwelt jetzt in die Offensive: Die beiden Organisationen klären die Bevölkerung am 1. Mai darüber auf, weshalb die Mehlschwalbe aus dem Siedlungsgebiet verschwindet und wie man sie wieder ansiedeln könnte (siehe Kasten).

«Die Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen ist generell bedroht», sagt Thomas Burkard. Deshalb informieren die beiden Organisationen in Wohlen auch über dieses brisante Thema, das die Naturschützer das ganze Jahr hindurch begleiten wird.

Schuljugend soll Natur kennen lernen

Der Naturschutz ist für die Katze, wenn man die Schuljugend nicht dafür gewinnt: Das wissen auch Andrea Fuchs und Thomas Burkard aus ihrer täglichen Vereinsarbeit. Unter dem Titel «Biodiversität (Artenvielfalt) macht Schule» laden Peter Eberhard, Leiter der Fachstelle Umwelt in Wohlen, und Burkard dieses Jahr die Schulklassen zu besonders auf die Mehlschwalbe und die Artenvielfalt zugespitzten Exkursionen ein.

«Das Echo auf unser Angebot ist gross», sagt Burkard. Bereits sind schon mehr als zehn Schulexkursionen eingeplant. «Wir führen diese Exkursionen zum ersten Mal durch. Sie sollten wirklich Schule machen.»

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