Suizid
«Kein Mitleid»

In der Kaiseraugster Überbauung Liebrüti brachte sich am Montagmorgen ein 63-Jähriger während der polizeilichen Durchsuchung seiner Wohnung um. Er sprang im 17. Stock aus Fenster. Wenige Meter daneben befindet sich die Schule. Die Schüler kannten den Toten.

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Aargauer Zeitung

Nadine Böni und Catarina Martins

Hans Rudolf G. lebte seit 1987 immer an der gleichen Adresse in der Überbauung Liebrüti, die direkt neben der Schule liegt. Im Jahr 2004 verbüsste er eine 2 1/2-jährige Zuchthausstrafe, weil er mit zehn minderjährigen Jungen sexuelle Handlungen vorgenommen hatte. Am Montag durchsuchte die Polizei die Wohnung von G. nach Beweismaterial gegen den 63-Jährigen. G. stand unter dringendem Verdacht auf Kinderpornografie. Während der polizeilichen Durchsuchung stürzte sich Hans Rudolf G. aus dem Fenster seiner Wohnung im 17. Stock der Überbauung und nahm sich so das Leben. Ob im Bus, im Hallenbad, beim Einkaufen - die Ereignisse vom Montag sind Gesprächsthema Nummer eins in Kaiseraugst. Jeder scheint Hans Rudolf G. gekannt oder schon einmal von ihm gehört zu haben.

Schüler kannten G.

Es ist Dienstagnachmittag, der «Tag danach» also. An der Bushaltestelle Liebrüti steht eine Gruppe Jugendlicher auf dem Heimweg von der Schule. Es verwundert nicht, dass sie über den Selbstmord diskutieren. Die Schule ist nur wenige Meter vom Wohnblock, in dem G. wohnte und wo er sich auch umbrachte, entfernt. «Zum Zeitpunkt des Selbstmordes waren wir in der Schule», erzählt ein Mädchen. Mitbekommen vom Suizid haben die Schüler aber nichts. «Den ganzen Tag über haben wir nichts davon gewusst, erst am Abend nach der Schule informierte uns ein Kamerateam darüber, was vorgefallen ist.»

Im ersten Moment seien sie schockiert gewesen, dass nur wenige Meter vom Schulhaus entfernt ein Mensch sein Leben gelassen habe, erklärt die Schülerin weiter. «Hansi», wie die Schüler G. nannten, sei relativ bekannt gewesen. «Und es war auch allgemein bekannt, dass er pädophil war», sagt die Schülerin. G. habe häufig Jungen angesprochen. Ein Schüler bestätigt das und behauptet gar, dass mehrere Jugendliche von G. in die Wohnung eingeladen worden seien. «G. hat ihnen Geld für Sexspiele angeboten.» Schwere Anschuldigungen also vonseiten der Schüler. «Ein paar haben sich sogar gefreut, als sie von seinem Tod erfahren haben», sagt eine Schülerin. Mitleid mit Hans Rudolf G. habe niemand.

Gemeinderat wusste nichts

Auf verschiedene Medienanfragen hin teilten der Kaiseraugster Gemeinderat und die Schulpflege in einer Pressemitteilung mit, dass während der gesamten Wohnsitzdauer von G. keine Meldungen eingegangen seien, dass G. Schüler «belästigt» habe. Solche Meldungen würden sehr ernst genommen, es werde rasch gehandelt und die nötigen Massnahmen würden ergriffen, heisst es in der Mitteilung weiter. Auch vom laufenden polizeilichen Untersuchungsverfahren gegen G. wusste man nichts. Der Befehl zur Hausdurchsuchung war vom Berzirksamt Rheinfelden gegeben worden. Vom Selbstmord haben sowohl der Gemeinderat als auch die Schulpflege durch die Presse erfahren.

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