Silicon Valley
Kein Geld, aber trotzdem im Privatjet unterwegs

Patrick Züst ist unser Korrespondent im Silicon Valley. Von dort schreibt er jede Woche eine Kolumne. Heute dreht sie sich um seinen Mitbewohner Zach, der zwar kein Geld hat, aber trotzdem mit dem Privatjet verreist.

Patrick Züst
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Man muss nicht superreich sein, um einen Privatjet ordern zu können – auch auf der richtigen E-Mail-Liste zu stehen, kann das möglich machen. (Symbolbild)

Man muss nicht superreich sein, um einen Privatjet ordern zu können – auch auf der richtigen E-Mail-Liste zu stehen, kann das möglich machen. (Symbolbild)

Kenneth Nars

Mein Mitbewohner Zach arbeitet häufig von zu Hause aus. Genauso wie ich. Regelmässig sitzen wir zusammen mit Pizza und Coca-Cola im Wohnzimmer – er schreibt Computer-Code, ich Zeitungsartikel. Es ist das perfekte Umfeld für einen Silicon-Valley-Korrespondenten. Aber ab und zu brauche ich halt doch meine Ruhe. Dann steige ich in die Metro und fahre ins Coworking-Büro am anderen Ende von San Francisco. Wenn hingegen Zach seine Ruhe braucht – und das kommt vor –, steigt er in einen Privatjet und fliegt irgendwohin, wo das Wetter gerade besser ist.

Zach ist 19 Jahre alt und hat kein Geld. Wirklich nicht. Es reicht für die Wohnungsmiete, für Pizza und Coca-Cola, aber nicht für viel mehr. Alles Flüssige floss in sein Start-up – und das schluckte bisher mehr Geld, als es spuckte. Irgendwie hat es Zach aber trotzdem auf die richtigen E-Mail-Listen geschafft, nämlich auf jene für «High Net Worth Individuals». Weshalb Firmen das Gefühl haben, dass er reich und damit Teil ihrer Zielgruppe sei, das weiss Zach nicht. Aber er profitiert davon. So zum Beispiel vom Angebot von Jet Smarter – einer der exklusivsten Apps weltweit.

Jet Smarter verlagert das Erfolgskonzept vom Fahrdienst Uber in die Luft. Statt ein Taxi kann man sich mit der App einen Privatjet reservieren, Coca-Cola inklusive. Allein die monatliche Grundgebühr beträgt für Nutzer normalerweise 10'000 Dollar, die einzelnen Flüge kommen noch dazu. So kostet ein spontaner Hin- und Rückflug von San Francisco nach New York rund 90'000 Dollar. Natürlich könnte sich Zach weder diesen Flug noch die Grundgebühr je leisten. Aber als «High Net Worth Individual» hat man ihm eine dreimonatige Probe-Mitgliedschaft geschenkt. Und die kann man auch nutzen, wenn man selber keinen Flug buchen will: Denn wenn ein Flugzeug in San Francisco landet, den nächsten Kunden aber zum Beispiel in Denver aufladen muss, fliegt man als Mitglied gratis im leeren Flugzeug mit. Wenn Zach seine Ruhe braucht, öffnet er also die Jet-Smarter-App und schaut, wohin er heute fliegen könnte. Und ich sitze daneben, schüttle fassungslos den Kopf und beneide die bodenständigen Überflieger aus dem Silicon Valley.