Muriel Mercier

Der Aescher Gemeinderat ändert das Altpapierregime. Ab dem 1. Januar 2010 werden nicht mehr wie bislang Sekundarschüler und Mitglieder örtlicher Vereine gegen ein Entgelt die Papierbündel einsammeln. Ende Oktober hatte der Gemeinderat bekanntgegeben, dass er diese Aufgabe neu einer privaten Entsorgungsfirma überträgt.

Der zuständige Gemeinderat Andreas Spindler begründet dies vor allem mit der Sicherheit der Kinder. «Es ist zu gefährlich wenn Kinder mit Einkaufswagen unterwegs sind und Strassen übequeren müssen.» Wenn ein Unfall passiere, trage der Gemeinderat schliesslich die Verantwortung.

Pierre Martin, Leiter der Sekundarschule Aesch, kann diese Begründung nachvollziehen. Der ausbleibende Lohn reisst jedoch ein Loch in die Klassenkassen. «Geld für Lager und Schulreisen bekommen wir zwar vom Kanton Baselland. Aber mit dem Zustupf für das Papiersammeln hat die Schule zusätzliche Projekte auf die Beine gestellt.» Mit den vier Sammlungen im Jahr kamen immerhin «einige tausend Franken» zusammen.

Haupteinnahmequelle geht verloren

Ähnlich ergeht es der Aescher Pfadi Bärenfels. Sie verliert in der Papiersammlung nicht nur eine «tolle Nebenbeschäftigung» für die Kinder, sondern auch ihre Haupteinnahmequelle. «Wir sind vom Ertrag des Altpapiersammelns abhängig», sagt Abteilungsleiter Claudio Valente. Die Pfadfinder und deren Eltern sammelten zwei Mal im Jahr Papierbündel und verdienten so jeweils 8000 Franken. «Das Geld investieren wir in unsere Lager, ins Material und in Ausflüge.» Valente versteht das Argument, dass es für Schulkinder gefährlich ist, Altpapierbündel zu sammeln. «Pro Klasse ist nur ein Lehrer dabei. Aber bei uns helfen die Eltern mit. Wir sammeln mit den Autos, in denen mindestens ein Erwachsener sitzt.» Er beteilige sich seit zehn Jahren mit den Pfadfindern an der Altpapiersammlung und habe dabei «noch nie eine prekäre Situation erlebt.»

Die Sicherheit der Schülerinnen und Schüler ist aber nur ein Grund, dass künftig eine Entsorgungsfirma die Bündel von den Aescher Trottoirs wegbringt. Die Gemeinde spart mit dem neuen Regime jährlich 34000 Franken ein. Zudem hätten die Kinder nicht immer gründlich gearbeitet, fügt Spindler hinzu: «Manchmal musste der Werkhof danach noch mehrere Stunden putzen.»

Meinungen gehen auseinander

Aesch ist nicht die einzige Baselbieter Gemeinde, die die Altpapiersammlung nicht mehr durch Schulklassen durchführen lässt. Im Birseck und Leimental, namentlich in Dornach und Reinach, entsorgen Unternehmen das Altpapier. «In Dornach holen seit einem Jahr Mitarbeiter der Kehrichtsverbrennung die Zeitungen ab», erklärt Gemeindepräsident Kurt Henzi. Während mehrerer Jahre habe man in der Gemeinde regelmässig über die Organisation der Altpapiersammlung diskutiert - auch die Sicherheit der Kinder sei dabei Thema gewesen. «Vor einem Jahr kam die Schulleitung von sich aus auf uns zu, weil sie das Papiersammeln für die Kinder als zu gefährliches Unterfangen empfand.»

Der Reinacher Gemeindepräsident Urs Hintermann kann sich nicht einmal mehr an den Zeitpunkt erinnern, als die Schüler die Tätigkeit als Altpapiersammler abgelegt haben.

«Das muss über zehn Jahre her sein.»

In Birsfelden hingegen haben weder Gemeinderat, noch Schulen oder die Eltern der Papiersammler Angst vor Unfällen während der Altpapiersammlung. «Es ist pro Klasse immer ein Lehrer dabei», sagt Gemeindepräsident Claudio Botti. Zudem wüssten die Kinder aus ihrem Alltag, wie sie sich auf den Strassen verhalten müssen.

Genauso verhält es sich in der Oberbaselbieter Gemeinde Waldenburg: Die Sekundarschüler aus Oberdorf sammeln in Waldenburg und umliegenden Gemeinden das Altpapier ein und bringen es an eine zentrale Stelle. Dort übernimmt eine Firma den Transport der Papierhaufen. «Pro Kilogramm Papier erhalten die Schüler sechs Rappen», sagt Gemeindepräsident Erich Grieder. Die Verkehrssituation sei in Waldenburg nicht gefährlich. «Wir im Oberbaselbiet sind pflegeleicht. Ich war hier 40 Jahre lang Lehrer und habe mit meinen Schülern 40 Jahre lang Altpapier gesammelt. Bei uns ist nie etwas passiert.»

Die Gemeinde Hölstein hat kürzlich ihre Altpapiersammlerei leicht verändert - auch wegen der Sicherheit der Schülerinnen und Schüler. So sammeln diese das Papier nicht mehr an Strassen, die entweder stark befahren oder steil sind.

Jugendförderkonzept soll helfen

Hängen lassen will der Aescher Gemeinderat die Pfadi Bärenfels nicht: Damit sie weiterhin Lagerwochen organisieren kann, suche er nach Alternativlösungen, sagt Gemeinderat Andreas Spindler. Zudem plane die Exekutive, ein neues Jugendförderkonzept zu erstellen; auch die Schulen würden dabei nicht vergessen gehen. «Der Gemeinderat hat vorgeschlagen, dass die Pfadfinder Unkraut entsorgen»,bestätigt Claudio Valente. «Ich kann mir eher vorstellen, dass wir dem Förster helfen oder mit dem Wildhüter Futterstellen für die Tiere aufstellen». Das Förderprogramm soll zumindest die Hälfte des Ertrages aus der Altpapiersammlung in die Pfadikasse spühlen. Zurzeit plagt Valente mangels konkreter Zahlen allerdings die Budgetunsicherheit für das nächste Jahr.

Auch Schulleiter Pierre Martin steht dem Förderprogramm skeptisch gegenüber. «Ich weiss nicht, ob die Schule wirklich daran beteiligt sein wird.»