Häftling
Käser will jetzt Klarheit

Die Kritik am Massnahmezentrum St. Johannsen in Le Landeron nimmt zu. In diesem Jahr sind schon vier Häftlinge entwischt.

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Gestern machte der «Blick» einen neuen Fall publik: Am 1. Februar des verangenen Jahres ist ein Serienvergewaltiger aus dem Massnahmezentrum St. Johannsen geflüchtet. Die Behörden verschwiegen den Fall, es werde nicht einmal öffentlich gefahndet. Dem widerspricht Martin Kraemer, Vorsteher des kantonalen Amts für Freiheitsentzug und Betreuung. «Natürlich wird nach ihm polizeilich gefahndet.» Nach seinem Verschwinden sei eine nationale und internationale Fahndung eingeleitet worden, die bis heute andauere.

Es ist der zweite bekannt gewordene Fall innert weniger Tage. Vergangene Woche wurde publik, dass ein Vergewaltiger im August das Massnahmezentrum in Le Landeron für wenige Stunden verlassen hatte. Er durchschwamm den nahen Zihlkanal und vergewaltigte danach ein Mädchen, das er aus einer Gruppe gelockt hatte. Er kehrte wieder in die Anstalt zurück, ohne dass sein Verschwinden bemerkt wurde. Am nächsten Tag wurde der Mann von der Polizei verhaftet. Darüber wurde erst spät informiert. Wie Polizeidirektor Hans-Jürg Käser (FDP) am Samstag in dieser Zeitung sagte, hatte er den zuständigen Untersuchungsrichter gebeten, die Öffentlichkeit zu orientieren. Zu gegebener Zeit werde er dies tun, habe die Antwort gelautet. Käser hat nun eine interne Untersuchung im Amt angeordnet, wie er der «Berner Zeitung» sagte. «Wir werden bis Mitte November interne Abklärungen treffen und entscheiden, welche Massnahmen wir ergreifen», sagt Vorsteher Kraemer.

Vier sind entwischt

Kreamer hat Kenntnis von vier «Entweichungen» in Le Landeron in diesem Jahr. «Im offenen Vollzug kann jeder gegen unseren Willen entweichen, wenn er das will und ein Schlupfloch findet», sagt Kraemer. Aus dem gesicherten Bereich in St. Johannsen sei in den vergangenen Jahren dagegen niemand ausgebrochen.

«Wir stellen denjenigen Lebensraum, die nötige Unterstützung und Begleitung zur Verfügung, welche den Insassen für ihre persönliche Entwicklung dienlich sind», so porträtiert sich das Massnahmenzentrum im Internet. «Dabei berücksichtigen wir das gesellschaftliche Schutzbedürfnis angemessen», steht da weiter. In St. Johannsen werde dem Schutzbedürfnis nicht in erster Linie mit baulichen Massnahmen Rechnung getragen, sagt Kraemer dazu. Dafür gebe es Therapien und Betreuung. «Es ist tragisch, wenn das passiert, und wir bedauern es», sagt Kraemer. Er sei aber grundsätzlich ein Befürworter des offenen Vollzugs. «Unsere Aufgabe ist es, die Anhaltspunkte für Gefährlichkeit und Fluchttendenz zu gewichten und dann über einen offenen oder geschlossenen Vollzug zu entscheiden.» Immer wenn eine Prognose gestellt werden müsse, bestehe die Gefahr, dass sie falsch sei.

In Le Landeron stehen gemäss Kraemer 80 Plätze für therapeutische Massnahmen zur Verfügung. Schon seit längerer Zeit seien alle belegt. (joh)