Kampfsport

«Karate ist nicht einfach nur Sport»

Brigitte Quirici Schinznach Dorf

«Karate ist nicht einfach nur Sport»

Brigitte Quirici Schinznach Dorf

Brigitte Quirici ist eine Kämpferin. Als einzige Frau hat sie in Japan eine der schwersten Karate-Prüfungen überhaupt bestanden.

Katja Schlegel

Der Fuss schnellt nach vorne, kraftvoll, kontrolliert. Brigitte Quiricis Blick ist intensiv, durchdringend. Die Hände sind zu Fäusten geballt, Sehnen und Adern treten hervor. Brigitte Quirici wirkt hart. Hart und unnahbar. Eine Kämpferin.

Minuten später: Brigitte Quirici sitzt auf der Veranda, locker und lächelnd. Was von der Kämpferin geblieben ist, ist der Dogi, die Kampfkleidung aus steifem Stoff. Und die Präzision: So exakt Quirici vorhin ihre Figuren ausgeführt hat, so genau formuliert sie ihre Aussagen.

Sieg ohne Jubel

Die Schinznacherin Brigitte Quirici ist die höchst graduierte Karatefrau der Schweiz und des Schweizerischen Karateverbands (SKF). Anfang August hat sie am Wadokai- Weltcup in Japan die Prüfung zum 5. Dan Wadokai mit einem der besten Prüfungsresultate überhaupt bestanden.

Das ist der höchste Meistergrad, den eine Schweizerin bis heute erreicht hat. Der Karateka mit dem weltweit höchsten Meistergrad im Wadokai liegt beim 9. Dan. «Ein 76-jähriger Japaner.» Quirici lacht: «Mit 50 bin ich also noch jung.»

Die Vorbereitung auf die sechsstündige technische Prüfung in Japan war hart. Quirici trainierte ein Jahr lang täglich. In Juni reiste sie nach Schweden, ins Trainingscamp ihres Grossmeisters Sensei Ohgami (8. Dan). Er gab ihr den Rat, sich der Herausforderung zu stellen und zur Prüfung anzutreten. Rat?

War es denn kein gestecktes Ziel? «Doch, aber ohne seine Empfehlung wäre ich nie zur Prüfung angetreten», sagt Quirici. «Aus Respekt. Es wäre unangemessen, sich entgegen der Empfehlung meines Lehrers zu verhalten.»

Respekt. Karate ist Respekt. Vor und nach dem Kampf verbeugt man sich vor seinem Partner. «Es ist schwer, nicht nur die Bewegung auszuführen, sondern echten Respekt zu empfinden.» Wer den Kampf gewinnt, jubelt nicht, der Partner soll sein Gesicht nicht verlieren. Respekt, auch innerhalb der Gruppe.

Jeder Gurtträger weiss, wo er stehen darf, je nach Grad. Man müsse wissen, wo sein Platz ist. Das gebe enorm viel Sicherheit. «Karate ist nicht einfach nur Sport, sondern Philosophie und eine ganze Kultur», sagt Quirici.

Unter Bruce-Lee-Typen

Er hatte sie beeindrucken wollen, ein Typ vom Bahnhof anno 1975. Er mache im Fall Karate, hatte er der damals 16-jährigen KV-Lehrtochter gesagt, sie solle doch mal beim Training vorbeischauen. Karate war damals verrufen, alles Bruce-Lee-Typen. Aber Quiricis Interesse war geweckt. Sie war fasziniert von Kraft, Geschwindigkeit und Kontrolle, den Bewegungen. «Bewegungen, die so einfach aussehen, aber in der Ausführung so schwierig sind.»

Quirici war gut, sehr gut. Schnell machte sie einen Gurt nach dem andern, weiss, gelb, orange, grün, blau und violett, schliesslich die drei braunen. Dann gründete sie eine Familie, bekam drei Kinder. Als die jüngste Tochter knapp zweijährig war, kam Karate wieder in ihr Leben zurück. Sie suchte einen Lehrer und fand ihn in Daniel Humbel (6. Dan). Das war vor 16 Jahren.

Seither hat Brigitte Quirici jeden Tag trainiert. «Ich frage mich nie, ob ich Lust habe.» Sie gehe ins Training aus Disziplin. «Karate ist ein Weg, den zu beschreiten ich mich entschlossen habe.» Ohne Kompromisse – aber auch ohne Verbissenheit. «Verbissenheit ist das Schlimmste, was es gibt. Im Sport, wie im Leben», sagt Quirici. Es brauche Gelassenheit und Humor.

Ohne Verschnaufpause

Quirici trainiert mit einem Team rund 250 Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Karate Do Brugg. «Ich will nicht nur trainieren, ich will dem Sport mit meinem ehrenamtlichen Einsatz etwas zurückgeben», sagt Quirici. Ausserdem organisiert sie für den Schweizerischen und den Aargauischen Karateverband Lehrgänge, Turniere und Lager, ist Expertin für J+S- Weiterbildungen und prüft Karateschulen auf Qualität.

Grösste aktuelle Herausforderung: die Organisation der Elite-Europameisterschaften im Mai 2011 in Zürich Kloten. Quirici arbeitet bis zu 12 Stunden am Tag, morgens im Büro einer Fassadenbaufirma, nachmittags und abends für das Karate. Ist das nicht zu viel? Quirici schüttelt den Kopf und ihre Augen blitzen trotzig. «Ich liebe Herausforderungen.»

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