Amok
Kantonspolizist schiesst wie wild um sich

Zehn Stunden lang hielt der Mann die Polizei und ein ganzes Quartier in Atem. Dann rannte der Angehörige der Kantonspolizei Basel-Stadt aus dem Haus – mit einer geladenen Waffe. Er konnte nach kurzer Flucht gestoppt werden.

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Michael Spillmann

Am Gartenweg in Rheinfelden sitzt der Schock tief. Niemand kann verstehen, was sich in der Nacht auf gestern im Quartier abgespielt hat. «Es ist eine feine Familie», sagte eine ältere Frau, die nur wenige Meter vom Haus des Polizisten entfernt wohnt, gestern Nachmittag. Von familiären Problemen habe sie nie etwas mitbekommen. «In unserem Schlafzimmer wartete ein Scharfschütze der Polizei», erklärte eine Nachbarin des 35-Jährigen. «Früher hatten wir mehr Kontakt, in letzter Zeit haben wir aber weniger miteinander zu tun gehabt», schilderte sie das Verhältnis zu ihren Nachbarn.

Zehn Stunden hielt der Hundeführer der Kantonspolizei Basel-Stadt das ganze Quartier in Atem. «Ich habe zu keinem Zeitpunkt Angst gehabt, dass mir etwas passieren könnte», so die Nachbarin. Als sich die Polizisten mit einem Grossaufgebot vor Ort positionierten, mussten die direkten Anwohner in ihren Häusern bleiben und die Rollläden runterlassen oder sie wurden evakuiert. Die Stadt Rheinfelden quartierte insgesamt 14 Personen vorübergehend in einem Hotel ein.

Kinder nicht mehr im Haus
Kurz vor 16 Uhr ging der Notruf am Sonntagnachmittag bei der Polizei ein. In einem Einfamilienhaus befinde sich ein 35-jähriger Mann «wegen persönlicher Probleme in einem psychischen Ausnahmezustand», er habe sogar gedroht, sich selber umzubringen. Und: Beim Mann handle es sich um einen Polizisten. Offenbar versuchten Angehörige - darunter die Ehefrau - und die alarmierte Polizeipatrouille in der Folge den Mann zu beruhigen. Die Eltern des Polizisten wohnen gleich nebenan. Die beiden Kinder - ein zweijähriger Bub und ein fünfjähriges Mädchen - waren zu diesem Zeitpunkt nicht im Haus.

Der Versuch, den verzweifelten Mann zu beruhigen, scheiterte. Schliesslich verliessen die Angehörigen und die anwesenden Polizisten das Einfamilienhaus. Kurz darauf feuerte der Polizist zwei mal mit einer privaten Pistole durch ein Fenster.

50 Polizisten einsatzbereit
Die Polizei rückte mit einem Grossaufgebot an. Sie riegelte unter Mithilfe der Feuerwehr Rheinfelden das Quartier ab - schliesslich standen 50 Kantons- und Regionalpolizisten sowie Angehörige der Grenzwache im Einsatz.

Er drohte den Kollegen
Die Spezialisten der Verhandlungstruppe nahmen mit dem Mann telefonisch Kontakt auf. Doch aufgeben wollte der 35-Jährige nicht. Er drohte weiterhin mit Selbstmord. Rudolf Woodtli, Info-Chef der Kantonspolizei: «Er sagte, dass er auf die Polizisten schiesst, wenn sich diese nähern würden.»
Es begann ein stundenlanges Vermitteln. Problematisch für die Polizei: Im Haus war ein Mann, der genau wusste, wie die Polizei arbeitet und wo die Polizisten positioniert waren. Kurz vor 2 Uhr überschlugen sich dann die Ereignisse: Die Sondereinheit Argus der Kantonspolizei hatte sich für einen allfälligen Zugriff bereit gemacht, Scharfschützen der Sondereinheit Enzian der Berner Polizei waren postiert. Dann fielen zwei Schüsse - und der Schütze rannte auf der Rückseite des Hauses aus dem Keller und sprintete durchs Quartier - dabei die geladene Pistole. Ein ganzer Tross von Polizisten nahm die Verfolgung auf. Nach rund 200 Metern konnten ihn die Kantonspolizisten überwältigen und festnehmen.

Jetzt sitzt der zweifache Familienvater in Untersuchungshaft. Die Ermittler gehen beim Motiv für die Tat von einem Privatproblem aus. Ob es sich beim Auslöser um allfällige Eheprobleme handelte, wollte die Polizei nicht bestätigen. Die genauen Hintergründe sollen nun geklärt werden.