Limmattal
Kampagne der Katholiken wirft Fragen auf

Nach Ostern will die katholische Kirche mit 5000 Plakaten in der ganzen Schweiz für «Good News» werben und ihr angeschlagenes Image aufpolieren. Limmattaler Seelsorger und Kirchenpfleger meinen: Gerade jetzt gäbe es Wichtigeres zu tun.

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Kirche Dietikon

Kirche Dietikon

Limmattaler Zeitung

Von Bettina Hamilton-Irvine

Die katholische Kirche kommt zurzeit nicht mehr aus den negativen Schlagzeilen heraus. Mit einer gross angelegten Imagekampagne will sie dies nun ändern: Bis spätestens nach Ostern sollen 5000 Plakate an alle 2000 katholischen Pfarrgemeinden verschickt werden. Doch der Slogan - «Mehr Good News» - mutet gerade jetzt äusserst seltsam an.

Im Limmattal reagiert man entsprechend überrascht auf die Aktion. «Ich habe gestaunt, als ich davon gehört habe», sagt Stephan Kaiser-Creola, Pfarreiverantwortlicher und Seelsorger der katholischen Kirche Schlieren. Kaiser sieht die grosse Werbeaktion als das zurzeit falsche Mittel an, um Goodwill zu erzeugen: «Ich bin ziemlich perplex, dass man diesen Weg gewählt hat. Es gäbe bessere Möglichkeiten, jetzt zu reagieren.»

Zum Beispiel, so Kaiser, sei es richtig, dass sich die Schweizer Bischofskonferenz diese Woche für die sexuellen Übergriffe von Kirchenleuten entschuldigt hätten. «Man muss nun einfach Klartext sprechen», ist der Seelsorger überzeugt: «Es sind Fehler passiert und die dürfen nicht mehr länger vertuscht werden.» Auch eine «schwarze Liste» für pädophile Priester und Seelsorger sieht Kaiser als notwendig an. Er betont jedoch, dass dafür eine saubere Lösung gefunden werden müsste, da solche Listen - wie das Thema «Fichen» gezeigt habe - heikel sein könnten.

Kaiser befürchtet, dass die Imagekampagne möglicherweise sogar kontraproduktiv sein könnte. «Gerade jetzt, wo sich die Kirchenaustritte häufen, könnte diese Aktion auch ein Schuss in den Ofen sein», sagt er. Auch in seiner Kirchgemeinde hätte es in den letzten Wochen massiv mehr Austritte gegeben als sonst. «Wenn man mich zu der Kampagne befragt hätte», so Kaiser, «hätte ich gesagt: Damit warten wir nun erst mal. Zuerst müssen die Probleme angegangen werden.» Doch da die Aktion nun einmal beschlossen worden sei, werde er sich sicher auch nicht dagegen sperren, sondern die Plakate aufhängen, sagt Kaiser. Bekommen habe man sie bis jetzt jedoch noch nicht.

Auch in Dietikon hat man bis anhin noch keine Plakate erhalten und von der Kampagne erst aus der Zeitung gehört, wie Hans Wirz, Seelsorger und Theologe der katholischen Kirche Dietikon, sagt. Von der Idee hält er nicht viel: «Ich würde sagen, stoppt diese Aktion und mistet erst einmal richtig aus.» Als ein grosses Problem der katholischen Kirche sieht Wirz den Zölibat, welcher seiner Meinung nach so bald wie möglich abgeschafft gehört. «Im Grunde ist das menschenunwürdig», so Wirz. Jeder Mensch habe eine Sexualität bekommen - diese unterdrücken zu müssen, könne einfach nicht richtig sein. Aus der Gemeinde habe er bis anhin erstaunlich wenige Reaktionen auf die vielen Negativmeldungen erhalten, sagt Wirz. Doch er gehe davon aus, dass man noch mit einer Welle von Kirchenaustritten rechnen müsse.

Man dürfe auf keinen Fall vergessen, betont der Seelsorger, dass die kirchliche Basis auch sehr viel Gutes und Soziales tue. Doch die Imagekampagne zum jetzigen Zeitpunkt erscheine ihm, als wolle man sich den wichtigen Themen nicht stellen. «Man kann die Probleme jetzt nicht einfach wegbeten», so Wirz. «Die beste Propaganda ist, offen und ehrlich zu sein: Das wären echte Good News.»

Doch nicht alle stehen der Kampagne ablehnend gegenüber. Rost Peter, Präsident der Katholischen Kirchengemeinde Aesch-Birmensdorf-Uitikon, kann der Idee viel Gutes abgewinnen: «Ich kann das nur begrüssen», sagt er: «Ich finde die Aktion angebracht und bestimmt im Sinne vieler Gläubiger.»

Speziell die Tatsache, dass die Pfarrgemeinden und Kirchenmitglieder auf der Website www.mehr-good-news.ch selber gute Nachrichten aufs Netz stellen könnten, erscheine ihm als ein richtiger Schritt, so Rost. So könne der Blick wieder mehr auf die positiven Aspekte der Kirche gelenkt werden.

Dabei dürfe man den Ernst der Lage natürlich nicht vergessen, betont Rost: «Auf keinen Fall darf die Situation beschönigt werden.» Man müsse entsprechende Schritte in die Wege leiten, um Lösungen zu finden. So befürworte er persönlich zum Beispiel die Erstellung einer «schwarzen Liste».

Die Grundstimmung in seiner Kirchgemeinde sei zum Glück nach wie vor optimistisch, sagt der Kirchgemeindepräsident. Sowieso habe man, verglichen mit anderen Gemeinden, unterdurchschnittlich wenig Austritte. «Trotzdem gab es im März zwei Kirchenaustritte, die möglicherweise mit den Negativmeldungen zu tun haben», so Rost.

«Definitiv mehr Kirchenaustritte als sonst» hat es auch bei der katholischen Kirchgemeinde Geroldswil - welche die Gemeinden Weiningen, Geroldswil und Oetwil umfasst - gegeben, wie der Präsident der Kirchenpflege, Franz Heller, sagt. Woran das genau liege, sei jedoch schwer zu eruieren: Schliesslich könne man im Normalfall im März, wenn die Steuererklärung eingereicht werden müsse, auch sonst eine Zunahme der Austritte feststellen.

Doch ein Zusammenhang zwischen den Negativmeldungen und den Austritten liege auf der Hand, so Heller: «Wenn etwas Negatives passiert, spürt man das relativ schnell anhand der Kirchenaustritte.»

Von den ans Licht gekommenen Missbrauchsfällen sei er natürlich «schockiert», sagt Heller. Doch ob die von der katholischen Kirche geplante Imagekampagne, über welche man von offizieller Seite noch keine Informationen erhalten habe, der richtige Weg sei, das bleibe dahingestellt. Für Heller ist klar: «Etwas muss man auf jeden Fall unternehmen. Man kann die Sache nicht einfach totschweigen.»

Heller könnte sich vorstellen, auch innerhalb der eigenen Kirchengemeinde eine eigene Aktion durchzuführen, welche die Gemeinschaft stärken und das Positive betonen würde. Auf jeden Fall würde das Thema an der nächsten Kirchgemeindesitzung besprochen, so Heller.

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