Niklaus Stuber

Man schrieb das Jahr 1616. Hans
Jakob von Staal, Sohn des ebenso gleichnamigen wie hoch angesehenen Venners und Stadtschreibers, erwarb von Metzger Hans Rudolf Vogelsang die «Scheuer und Behausung samt Einschlag und Garten» zwischen dem Kapuzinerkloster und demjenigen der Kapuzinerinnen. «Kalthäusern» hiess es damals, Sommerhaus de Vigier heisst es heute – und ein paar Hand- und andere Änderungen hat das prächtige Anwesen gleich nördlich der Altstadt Solothurns in den 394 Jahren durchgemacht (die schön «gedrechselten» Eiben sind geblieben), das heutige Sommerhaus de Vigier.

Dem Namen nach muss die Bise brav über Feld und Anwesen geblasen haben. Tempora mutantur, die Zeiten ändern sich: von Kalthäusern zum Sommerhaus, seit 1821 im Besitz der de Vigiers. Ändern sich die Zeiten? Nicht im «Sommer» 2010. Die bereits zur Tradition gewordene Öffnung des prächtigen Parks und Teile des Anwesens für die Öffentlichkeit war heuer kein Sommeranlass. Er gereichte dem alten Namen zur Ehre, ein frostiges Ereignis in Kalthäusern. Was das Wetter anbelangt. Die Schönheit des Parks und der gesamten Anlage, die Freundlichkeit des Empfanges und das «ancienne Ambassadoren-Gefühl» zu Beginn des 21. Jahrhunderts vermochten die meteorologische Kühle in angenehme Gefühle zu verwandeln. Der Brauch des schönen Wetters zur Parköffnung war am vergangenen Wochenende gebrochen worden, nicht die Tradition eines schönen Anlasses.

Es ist ein erhebendes Gefühl, durch das schmiedeiserne Tor und zwischen den uralten Eiben, vorbei an verspielt im Wasser tummelnden Delfinen (nicht lebend) auf den Zeugen einer Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft zuzuschreiten. Fast fühlt man sich ein wenig als «von» und «de». Fast nur, denn das Wohnen in dem Landsitz mitten in der Stadt bleibt letztlich doch nur wenigen vorbehalten.

Ebenfalls Tradition ist, dass beim Eingang Werbung für die Schweizerische Schule für Blindenführhunde gemacht wird. Zweifellos eine gute Sache, eine wichtige Institution, auf die es sich hinzuweisen lohnt. Der Hund mehr als nur der beste Freund des Menschen. Ebenfalls beim Eingang das Verbots-Schild mit Text «Bitte lieber keine Hunde». Der Hund als bester Freund, aber der Mensch nicht immer als bester Erzieher, deshalb wohl der Gegensatz.

Ein stimmiger Gegensatz zur Pflanzenpracht von Eiben, Rosen, Rasen und Hecken erwartet die Besucher hinter dem Haus. In einem Glaswürfel stehen zwei Oldtimer zu bewundern, ein Cadillac Eldorado Baron, Jahrgang 1952, von welchem bloss 2150 Stück hergestellt worden sind. Der zumindest für die damalige Zeit poppig freche Ami steht neben einem würdevollen, klassischen Engländer, einem Rolls Royce Silver Cloud, der im Herstellungsjahr 1961 für damals 8329.11 Englische Pfund gekauft worden war. British Understatement und amerikanisches Chrom- und Kotflügelgeprotze einträchtig nebeneinander.

Einheit im Gegensatz auch bei der musikalischen Unterhaltung während der Parköffnung. Die Stadtmusik,
traditionell bei der Parköffnung dabei, mit gekonntem Spiel und modernen Stücken für das breite Publikum und die ausserordentliche, klassische
Darbietung des «Ensemble Z» aus
der Romandie für (nicht nur) die geladenen Gäste. Die Musik für einmal nicht am Sonntag, sondern bereits am Samstag. Zusammen mit dem Wetter ein Grund, wieso die Stadtmusik nicht die Publikumsbeachtung erhielt,
welche die Qualität der Darbietung verdient hätte.

Grund für die ausserordentliche,
klassische Darbietung und die Verschiebung auf Samstag: Eine der Töchter von Bill de Vigier, Madame Jeannette, feiert dieses Jahr einen runden Geburtstag. Welcher es ist,
sei verschwiegen. Bei Frauen geziemt es sich nicht, dies zu sagen, bei
Häusern wird der Jahrgang stolz
angeschrieben.

Die Besucher geniessen den Ausflug vom Alltagstrott und -stress in eine andere, beschauliche Welt, in diejenige des Sommerhauses de Vigier. Einige hundert sind es, die am Samstag und Sonntag diese Reise in die Vergangenheit tun – im Sommer bei Kälte ins Sommerhaus, das einmal Kalthäusern hiess.