Von Jörg Meier

Die goldene Taschenuhr ist schön und kostbar. An einer Auktion könnte sie durchaus einen Preis von 100000 Franken erzielen. Denn sie stammt von Kaiser Karl I., dem letzten Kaiser Österreichs.

Doch die mit Brillanten besetzte und rot vergoldete Uhr wird an keiner Auktion zu kaufen sein. Sie hat nach einer abenteuerlichen Geschichte ihren neuen Platz gefunden: Ab sofort ist sie im Klostermuseum Muri zu bewundern; ein Geschenk an die Sammlung Murensia. Geschenkt hat sie der Murianer Gerhard Huwiler. Und der wiederum hat sie von seinem Grossonkel Fritz Huwiler geerbt, der die Uhr im Jahre 1921 von Kaiser Karl erhalten hat. Als Dank für die Dienste als Fluchthelfer. Auch wenn das niemand so deutlich sagen mag.

Fritz Huwiler stammte aus Meienberg bei Sins. Jenem ehemaligen Habsburgerstädtchen im Freiamt, das im Nachgang zur Schlacht bei Sempach 1386 von den Eidgenossen so gründlich zerstört worden war, dass es nie mehr aufgebaut wurde.

Huwiler war Detektivwachmeister bei der Luzerner Kantonspolizei. Er hatte den Auftrag, Kaiser Karl I., der sich im Schlosshotel Hertenstein bei Weggis im Exil befand, zu bewachen. Man traute dem abgesetzten Monarchen nicht recht, hatte er doch schon einmal versucht, ins verlorene Reich und auf den Thron zurückzukehren.

Huwiler interpretierte seinen Bewachungsauftrag so grosszügig, dass es dem Ex-Kaiser mühelos gelang, aus Hertenstein zu fliehen, auf dem Flugplatz Dübendorf eine Junkers F 13 zu besteigen und nach Ungarn zu fliegen, in der Hoffnung, wieder an die Macht zu kommen. Daraus wurde aber nichts: Karl I. wurde in Ungarn nach einem kurzen Scharmützel sofort verhaftet und nach Madeira ins Exil geschickt, wo er 1922 an einer Lungenentzündung starb.

Als Gegenleistung für die grosszügige Bewachung erhielt Huwiler vor des Kaisers Abflug nach Ungarn die goldene Taschenuhr mit der Kaiserkrone und dem Brillanten besetzten «K» auf der Zifferblattabdeckung.

Grossneffe Gerhard Huwiler hat die Uhr den Murianern genau zum richtigen Zeitpunkt geschenkt: Die Habsburger boomen und Muri erweist sich dabei als treuer Hort und Verbündeter der einstigen Herrscherdynastie.

Das Kloster Muri ist vor bald 1000 Jahren von den Habsburgern gegründet worden. Die Verbindung zum ehemals mächtigen Herrscherhaus blieb über die Jahrhunderte erhalten. So gibt es in Muri seit 1971 die Habsburgergruft in der Loretokapelle. Dort liegen unter anderem die Herzen des letzten Kaiserpaares Zita und Karl I. Und genau dieser Karl I., der dem Meienberger Detektivwachmeister Huwiler 1921 die goldene Uhr geschenkt hat, soll nun auch noch heilig gesprochen werden. Die Seligsprechung durch den Papst erfolgte bereits im Jahre 2004. Ausschlaggebend dafür war das seltsame «Krampfadern-Wunder». Da für jede Seligsprechung ein verbrieftes Wunder notwendig ist, machte sich die Kaiser-Karl-Gebetsliga auf die Suche und fand prompt eine Nonne, die kräftig zu Kaiser Karl gebetet hatte und danach keine Krampfadern mehr hatte. Dieses Wunder hatte auch den Papst samt Vatikan überzeugt. Das alles geschah zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

So war es selbstverständlich, dass man in Muri den Wunsch der Familie Habsburg erfüllte, die gerne eine Büste des 2004 selig gesprochenen Ex- Kaisers-Karl I. in Muri gesehen hätte, am liebsten vor der Loretokapelle. Einen Negativabguss hatten die Habsburger noch aus Madeira am Lager. Also wurde eine überlebensgrosse Büste aus Bronze gegossen und am 20. Februar 2010 feierlich enthüllt. Seither wacht Kaiser Karl I. im Kreuzgang der Klosterkirche Muri, vor dem Eingang zur Loretokapelle und der Habsburgergruft.

Den Hauptteil der Kosten teilten sich die Kirchgemeinde Muri und die Freunde der Klosterkirche. Die St. Martins-Stiftung hat den Transport der Büste bezahlt, die Familie Habsburg hat den vorhandenen Negativabdruck zur Verfügung gestellt.

Klosterfreunde und Kirchgemeinde werden von Martin Egli präsidiert. Egli lebt die Verbundenheit zum Hause Habsburg, er kennt sehr wohl die zwiespältige Biografie von Karl I., dem auch Gräueltaten im Ersten Weltkriegen zur Last gelegt werden. Aber für Egli zählt vor allem, dass Karl I. privat ein gläubiger, vorbildlicher Christ war. Und über den Rest will er sich kein Urteil anmassen.

Die Habsburger sind aber auch touristisch wertvoll für Muri. Die Organisation «Muri Tourismus» bietet massgeschneiderte Angebote für Habsburger-Interessierte aller Art. Die Nachfrage ist gut, die Marke «Muri» wird bald auch international als unverzichtbare Habsburger-Destination angeboten.

Kein Wunder, fühlen sich die Habsburger in Muri verstanden. Deshalb möchten einige von ihnen nach ihrem Ableben auch in Muri bestattet werden. Zum Beispiel Erzherzog Rudolph, ein Sohn Kaiser Karl I. Dem 91-Jährigen, der in Brüssel wohnt, geht es zurzeit nicht besonders gut. Was wiederum Urs Pilgrim, den Präsidenten der Kulturstiftung St. Martin in Muri, dazu veranlasst, sein Handy Tag und Nacht eingeschaltet bei sich zu tragen. Schliesslich möchte man bereit sein, wenn der nächste Habsburger für einen längeren Aufenthalt kommt.