Italien

Junge Italiener bleiben aus wirtschaftlicher Not im Hotel «Mama»

Immer mehr junge Italiener wohnen noch zu Hause. Grund ist allerdings nicht mehr die Bequemlichkeit. ho

Junger Italiener im Hotel Mama

Immer mehr junge Italiener wohnen noch zu Hause. Grund ist allerdings nicht mehr die Bequemlichkeit. ho

Die Zahl der 30- bis 34-jährigen Italiener, die noch bei ihren Eltern wohnen, hat sich seit 1983 fast verdreifacht und beträgt nun knapp 30 Prozent. Dies hat vor allem wirtschaftliche Gründe.

Dominik Straub, Rom

Wie die Gesamtbevölkerung überaltert in Italien auch die Gästestruktur im «Hotel Mamma»: Wohnten 1983 noch 12 Prozent aller 30- bis 34-Jährigen Italiener bei ihren Eltern, waren es im vergangenen Jahr fast dreimal so viel: knapp 30 Prozent. Betrachtet man die deutlich grössere Gruppe der 18- bis 34-Jährigen, steigt der Anteil der Nesthocker gar auf 60 Prozent. Das geht aus dem Jahresbericht des italienischen Statistikamts Istat hervor.

Die Krise trifft vor allem die Jungen

Spott über die italienischen Muttersöhnchen ist naheliegend; doch er wäre ungerecht. Denn für viele junge Italiener ist es die schiere wirtschaftliche Not, die sie bei den Eltern verweilen lässt. Die Krise, die vom 73-jährigen Regierungschef und Milliardär Silvio Berlusconi bis vor einigen Tagen als inexistent bezeichnet wurde, obwohl allein im vergangenen Jahr 380 000 Arbeitsplätze vernichtet wurden, trifft vor allem die Jungen.

Unabhängig davon, wie brillant ihr Hochschulabschluss oder ihr Berufsdi-plom ist, die sie ihren Stellenbewerbungen beilegen können: Viele finden keine Arbeitsstelle. Und ohne Einkommen lässt sich schlecht eine eigene Wohnung finden.

Es ist das düstere Bild einer verlorenen Generation, welches das Istat zeichnet. Zwei Millionen junge Italiener im Alter von 15 bis 29 Jahren sind das, was Statistiker als «Neet» («not in education, employment or training») bezeichnen: Sie sind nicht in Ausbildung, sie haben keine Arbeit und kein Praktikum.

Risiko von lebenslanger Arbeitslosigkeit

Mit anderen Worten: Sie tun nichts und riskieren laut dem Istat-Bericht, für lange Zeit oder gar für immer vom Arbeitsleben ausgeschlossen zu bleiben. In keinem anderen OECD-Land gibt es so viele «Neet» - und allein im vergangenen Jahr hat ihre Zahl in Italien um weitere 125 000 zugenommen.

Die meisten von ihnen logieren im «Hotel Mamma» - als einzige Möglichkeit, überhaupt über die Runden zu kommen. «Dass junge Menschen länger zu Hause bleiben als in anderen europäischen Ländern, hat eine lange Tradition in Italien», sagte Linda Laura Sabbatini, eine der Autorinnen der Studie.

Aber die Gründe hätten sich geändert: Unterdessen gäben über 40 Prozent wirtschaftliche Gründe für ihr Nesthockertum an, nur noch bei einem knappen Drittel handle es sich um eine freie Entscheidung.

Die Situation verschärft sich noch

Die Istat-Autoren sehen wenig Grund zum Optimismus: Italiens Wirtschaft habe zwar wieder zu wachsen begonnen, aber deutlich langsamer als der OECD-Durchschnitt. Und die Situation am Arbeitsmarkt droht sich sogar noch zu verschärfen: Derzeit befinden sich 300 000 Personen in der so genannten «Cassa Integrazione»: Ihre Stelle ist zwar offiziell noch nicht gestrichen, doch sie sind mangels Arbeit freigestellt und der Staat zahlt ihren Lohn (zumindest 70 bis 80 Prozent davon).

Die meisten dieser Stellen dürften aber definitiv wegfallen, womit sich die Zahl der vernichteten Jobs auf bis zu 680000 erhöhen wird. Das «Hotel Mamma» dürfte ausgebucht bleiben.

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