Ernährung
Jumbo-Softdrinks, Hamburger und Pommes – Übergewicht ist auch bei uns ein dickes Problem

Gestern sollten in New York Süssgetränke in Jumbobechern verboten werden. In der Schweiz sind Megapackungen weniger verbreitet als in den USA. Übergewicht gibt es trotzdem.

Anna Kardos
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Es ist eine Milchmädchenrechnung: XXL-Portionen machen einen XXL-Körperumfang. Soeben wollte der amtierende New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg in Kinos und Fast Food-Restaurants Süssgetränke-Becher mit mehr als einem halben Liter Fassungsvermögen verbieten. Dass sein Antrag gestern gescheitert ist, hat mehr mit Detailfragen zu tun und weniger mit der Tatsache, dass ein Zuviel an Softdrinks ungesund ist.

Dass viele Amerikaner an Übergewicht leiden, ist kein Geheimnis. Doch dick sind nicht nur die anderen. 60% der übergewichtigen New Yorkern stehen 46% übergewichtige Schweizer Männer (und 29% der hiesigen Frauen) gegenüber. Dieser Unterschied ist alles andere als XXL. Es scheint, als existierten grosse Ernährungsprobleme nicht nur in Übersee, sondern auch in der Schweiz.
Nach einem Blick auf des Schweizers Teller, ist das nicht mehr ganz abwegig. Es fängt bereits mit dem obligaten Zmorge-Gipfeli an. Die darin enthaltenen 18 Gramm Fett decken bei nicht wenigen Frauen bereits einen Drittel des Tagessolls an Fett ab - dieses wird mit rund einem Gramm aufgenommenen Fett pro Kilogramm Körpergewicht berechnet.

40 Gramm können tödlich sein

Auch dem guten alten Chlöpfer nützt die elegante Bezeichnung Cervelat wenig, wenn schon ein täglicher Verzehr von über 40 Gramm davon tödlich sein kann (wie eine Studie des Zürcher Universitätsspitals letzte Woche publik machte).

Dass die geselligen Gerichte Fondue und Raclette Ernährungsexperten auch nicht gerade jubeln lassen, kann sich jeder vorstellen, der schon mal nach einem geselligen Fondueplausch den berühmten «Stein» im Bauch verspürte. Auch wenn das Auflockern mit einigen Gläsern Kirsch im Bauch für etwas Leichtigkeit sorgt - leichte Küche geht anders.

Dabei gehe es nicht darum, einzelne Lebensmittel zu verteufeln, sagt Thomas Mattig von der Gesundheitsförderung Schweiz, auch wenn diese sehr wahrscheinlich bei übermässigem Konsum negative Folgen für den menschlichen Körper haben. «Es geht viel mehr darum die Selbstverantwortung der Bürger für ihre eigene Gesundheit zu stärken. Neben genügend Bewegung steht dabei eine ausgewogene Ernährung im Vordergrund. Dank des vielfältigen Angebots an lokalen Früchten und Gemüsen in unseren Supermärkten, haben wir in der Schweiz grundsätzlich gute Voraussetzungen.»

Fastfood wird zum Frustfood

Also ist das üppige Abendessen nicht per se Tabu. Doch dem Abend steht heute oft ein Alltag gegenüber, der ernährungstechnisch sogar noch bedenklicher ist. Zum Vergleich: In den 1950er Jahren dauerte die Mittagspause oft noch gemütliche zwei Stunden.

Die Arbeitnehmer hatten genug Zeit, zu Hause gesund und ausgiebig zu essen. Heute regiert über Mittag die Devise «de schnäller isch de gschwinder». Ob Sandwich, Hamburger, Pommes vom Stand oder das Fertiggericht aus der Mikrowelle - gegessen wird, was schnell geholt und ebenso schnell verschlungen ist.

Doch Fastfood ist mit seinem geringen Anteil an Ballaststoffen nicht nur beim Verzehren ein Tempomeister, sondern auch beim Verdauen. Diese Tatsache führt dazu, dass schon wenige Stunden später ein Hungergefühl zurückmeldet und Gang zu den omnipräsenten Snackautomaten ansteht.

Auf diese Weise muss man heute nicht mal mehr XL-Portionen verspeisen, um sich ein gehöriges Mass an raffiniertem Zucker, gesättigten Fettsäuren und Transfett einzuverleiben. Spätestens dann wird jedoch aus Fastfood Frustfood.

Kein Wunder, wurden in Frankreich Snack-Automaten auf Schularealen verboten. Und währen New Yorker gegen XL-Getränke ankämpft, hat Dänemark 2011 eine sogenannte Fettsteuer eingeführt. Ist die Ernährung derart in Schieflage, dass der Staat eingreifen muss?

Thomas Mattig von der Gesundheitsförderung Schweiz meint: «Die Eigenverantwortung bleibt sicher ganz zentral.» Daneben träge aber auch die Industrie eine grosse Verantwortung und müsse einen Beitrag zur Lösung des Problems leisten, etwa durch Selbstbeschränkungen in der Werbung gegenüber Kindern und Jugendlichen.

«Und schliesslich muss auch der Staat seine Rolle wahrnehmen und dort intervenieren, wo es notwendig ist. Denn die Kosten von Übergewicht, und hier sprechen wir von Milliarden, zahlt letztlich die Gesellschaft.»

Hüftspeck und Bauchfett als Staatssache

Also ist der Hüftspeck von Frau Muster oder der wohlgenährte Bauch von Herrn Müller plötzlich Staatssache. Doch ob es etwas bringt, Essgewohnheiten mit Gesetzen zu regulieren, beurteilt auch die Gesundheitsförderung Schweiz skeptisch: «Ob wir mit viel Aufwand eine Besteuerung von fettreichen Nahrungsmitteln einführen wollen, muss gut überlegt sein.»

In Dänemark zeigten sich die ersten Probleme bereits bei der Einführung der Fettsteuer: «Der bürokratische Aufwand ist gross, denn bei der Feststellung des Fettanteils in einem Lebensmittel muss auch die Zubereitung berücksichtigt werden.»

Vollmilch und Fisch - wichtige Bestandteile der dänischen Esskultur - wurden von Anfang an von der Steuer befreit. Andere natürliche Nahrungsmittel hingegen landeten auf dem «Index», darunter empfehlenswerte Lebensmittel wie Nüsse und Olivenöl.

«Wie sich diese praktischen Probleme lösen lassen, werden uns die Dänen in den nächsten Jahren zeigen müssen. Aus ökonomischer Sicht ist zudem fraglich, ob die gewünschten Lenkungswirkungen erzielt werden können.»

Es bleibt also abzuwarten, ob die Dänen nun quasi per Gesetz und bei viel Milch und Fisch, aber ohne Pommes immer ranker und schlanker werden.
Und das eingangs zitierte Milchmädchen? Das schüttelt über derlei Gesetze, über XL-Becher und Fastfood bloss seinen Kopf und trinkt einen grossen Schluck - frische Milch.

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