Gletschersee

«Jetzt ist der See randvoll»

Der See am Mittwoch: Die Moräne und der Abfluss sind verdeckt hinter dem Fels rechts. (btu)

Gletschersee Grindelwald

Der See am Mittwoch: Die Moräne und der Abfluss sind verdeckt hinter dem Fels rechts. (btu)

Die Gegend um den unteren Grindelwaldgletscher ist eine bewegte Region. 2006 stürzten Teile des Eigers nieder, jetzt droht der Gletschersee zu überlaufen. Schuld ist der Klimawandel. Geologe Hans-Rudolf Keusen macht sich Sorgen – ein Augenschein ob Grindelwald.

Benno Tuchschmid

Hans-Rudolf Keusen macht sich Sorgen. Der Geologe mit dem wettergegerbten Gesicht sitzt im Berghaus Bäregg, oberhalb von Grindelwald, auf 1775 Metern über Meer und trinkt einen Kaffee. Gerade ist er mit dem Helikopter vom Gletschersee her kommend gelandet. «Der See ist randvoll», sagt er. 2,3 Millionen Kubikmeter Wasser fasste der See gestern. 70 Zentimeter fehlen noch, bis er über die Moräne schwappt, die einen natürlichen Damm bildet und den See staut.

Hans-Rudolf Keusen beobachtet den See seit Jahren, der Kanton Bern hat die Firma Geotest, für die Keusen arbeitet, beauftragt, den Gletschersee zu überwachen. Keusen kennt das schlimmste Szenario: «Es kommt vor, dass das Wasser seinen Weg durch die Moräne findet und plötzlich abfliesst.» Genau das ist letztes Jahr schon geschehen, nur hatte der Gletschersee damals viel weniger Wasser. Fliesst der See jetzt aus, dann drohen im Tal ein Campingplatz, ein Golfplatz und die Grindelwalder Station der Junfraubahn überschwemmt zu werden.

Bei Nebel ist das Berghaus Bäregg ein unheimlicher Ort. Von der Terrasse aus sieht man tief unten den Gletschersee, trüb wie eine Baustellenpfütze. Vom See ziehen Nebelschwaden die Schutthänge hoch - alles sieht grau, karg und lebensfeindlich aus. Hin und wieder grollt und donnert es hinter der Nebelbank, welche die Sicht auf den Hang gegenüber verstellt. Dahinter fallen Felsbrocken ins Tal. «Ja, manchmal ist es ein bisschen ‹gfürchig›», sagt Marianne Burgener und lacht herzhaft. Sie sitzt an einem Tisch in der Hütte Bäregg, die sie zusammen mit ihrem Mann Hansruedi Burgener führt.

Die zwei haben schon einiges erlebt hier oben. 2004 übernahmen die beiden die Stieregghütte, keine hundert Meter entfernt von der Bäregg. Die Stieregghütte galt als eine der schönsten Alphütten der Schweiz. Nur eine Saison nachdem sie das Haus übernommen hatten, bemerkten die zwei Risse im Boden ihrer Terrasse. Knapp zehn Tage später rutschte der Hang samt Hütte ins Tal.

Doch die Burgeners rappelten sich wieder auf. Sie bauten das Berghaus Bäregg. In Ihrer ersten Saison 2006 stürzte vis-a-vis der halbe Eiger ein - und die ganze Welt schaute zu. 22 internationale Fernsehteams kamen an manchen Tagen und dazu viele Touristen, die sich das Spektaktel nicht entgehen lassen wollten. «2007 war dann relativ ruhig», sagt Burgener.

2008 begann die Sache mit dem Gletschersee. Gletscherseen seien ein neues Phänomen, sagt Geologe Keusen. Ein Phänomen des Klimawandels. Die Gegend um den Gletschersee ist so etwas wie ein Grosslabor für die Auswirkungen des Klimawandels. «Das ist eine weltweit einzigartige Region», sagt Keusen. Der Grund: Nirgends lassen sich in einer so kleinen Bergregion so viele Auswirkungen der globalen Erwärmung beobachten. Gletscherschwund, Rückgang des Permafrosts, Erdrutsche, Steinschlag. «Was hier passiert, wird früher oder später auch bei grösseren Gletschern in der Schweiz passieren», sagt Keusen.

Marianne und Hansruedi Burgener kennen den Geologen gut. Sie sehen sich fast jede Woche, so oft kommt Keusen hier hoch. Jetzt stehen sie zusammen auf der Terrasse des Berghauses. Mittlerweile hat sich der Nebel verzogen. Der Blick geht hinauf in den Schutthang oberhalb des Sees, in dem vorgestern Nacht mit grossem Donnergrollen neue Gesteinsmassen abgebrochen waren. Dabei wurde ein Messgerät der Geologen mitgerissen.

Hansruedi Burgener schaut durch ein Fernglas und sagt zu Keusen: «Ja, die Dreizehn hat es mitgerissen. Die Vierzehn steht noch.» Burgener arbeitet im Winter als Pistenchef auf dem Männlichen. Doch er ist mittlerweile auch so etwas wie ein wissenschaftlicher Mitarbeiter von Hans Rudolf Keusen geworden. «Wir sind ein halbes Jahr ohne Unterbruch hier. Wir sehen alle Veränderungen. » Und von denen gibt es mehr als genug. «Der See ist über Nacht wieder grösser geworden», sagt Marianne Burgener.

Obwohl es hier oben manchmal «gfürchig» ist - die beiden möchten nichts anderes. Und wenn das Wetter gut ist, flösst einem die Gegend auch keine Angst mehr ein. Im Gegenteil, sie ist wunderschön. Ausser dem Gletschersee. Der gleicht immer noch einer Pfütze.

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