Der obligatorische Sachkundenachweis macht es möglich, dass jetzt mit den Hundehaltern das grosse Geld verdient werden kann. Leider haben das Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) und die Politiker kaum berücksichtigt, dass richtige Prävention der beste Schutz vor Beissvorfällen wäre. Dem Hund Grenzen zu setzen, gehört auch dazu, was nicht bedeutet, ihn nur mit Kommandos unter Kontrolle zu halten. Richtige Prävention heisst, den Hund in unserer Gesellschaft lebensfähig zu machen. Dazu muss der Halter das Ausdrucksverhalten seines Hundes beobachten und verstehen lernen. Nur so kann er sein Tier vor Konfliktsituationen bewahren oder rechtzeitig herausführen.

Die Beissstatistiken sind zu relativieren: Eine Tierärztin wurde von einem Welpen in den Finger gebissen, als sie die verletzte Pfote untersuchte - sie hat den Biss gemeldet. Ein Halter wurde in den Daumen gebissen, als er seinem Hund einen gefährlichen Pouletknochen aus dem Maul holte - der Hausarzt hat den Biss gemeldet. Viele Beissvorfälle finden beim Spiel statt, wenn der Hund die Hand des unvorsichtigen Halters statt das Spielzeug erwischt. Beissstatistiken geben also weder über Aggressivität Auskunft noch über die Schwere oder die allfälligen Folgen eines Bisses. Ziel müsste aber sein, die Zahl jener Fälle zu verhindern, in denen sich ein Hund gegenüber einem Menschen oder einem andern Hund aggressiv verhält, ihn angreift und verletzt. Bei Hundebissen, die auf aggressives Verhalten zurückzuführen sind, ist zu viel Stress die Ursache. Angst oder Unsicherheit gelten als häufigste Auslöser; der Hund fühlt sich bedroht und reagiert. Der Ursprung kann wie beim Menschen bei sozialen oder gesundheitlichen Problemen liegen, in den genetischen Anlagen, bei Reizüberflutung oder bei nicht gestillten Grundbedürfnissen wie Nahrung, Ruhe, Schlaf oder Bewegung.

Beim grossen Angebot von Hundesportarten ist heute oft Überforderung ein Grund für Stress und damit verbundenes Fehlverhalten. Oft geschehen Beissvorfälle in solchen Situationen. Etwa beim Freilauf auf dem Hundeplatz, wenn sich zum Schluss des Trainings auf Geheiss alle Hunde frei herumtollen sollen. Stress ist die Antwort des Organismus auf eine Veränderung und kann durchaus positiv sein. James O'Heare, renommierter Wissenschafter für Hundeverhalten, spricht von schädlichem Stress, «wenn die Bewältigungsstrategien des Hundes überfordert sind». Stress könne den Abwehrmechanismus beeinflussen und unangenehme Reaktionen hervorrufen. Laut den Expertinnen Martina Nagel und Clarissa von Reinhardt sind die heutigen Haltebedingungen in dicht überbauten Gebieten sowie die zunehmende Reglementierung mitverantwortlich dafür, dass Hunde vermehrt unter Stress leiden. Ihr Rezept: «Wenn wir erkennen, wann und weshalb unser Hund gestresst ist, können wir Konfliktsituationen entschärfen oder sie gar nicht aufkommen lassen.»

Hundefachfrau Nicole Fröhlich schreibt in einem Handbuch: «Wichtig ist, dass wir herausfinden, welche Stresssymptome unser Hund zeigt.» Die Palette reicht von Rastlosigkeit, Überreaktionen, Schuppenbildung, übertriebener Körperpflege (Lecken und Kratzen) über ständige Lautäusserungen bis zu Durchfall oder Erbrechen. Die Beschwichtigungssignale - die Hundesprache, mit der Hunde zu verstehen geben, wie sie sich fühlen - sind auch wichtiger Teil des Ausdrucksverhaltens. Mehrfaches Lecken der Schnauze, Kopfabwenden oder Leinebeissen sind Signale, die auf einer Eskalationsleiter bis zum Knurren, Schnappen und letztlich zum Biss führen können. Mit ihrer Forschungsarbeit über diese Signale hat die Norwegerin Turid Rugaas viel zum Wissen über Hundeverhalten beigetragen. Trotz Beissstatistiken und Stimmungsmache gegen Hunde darf eines nicht vergessen werden: Der Hund ist ein sehr soziales Wesen, ein Vermeider oder Löser von Konflikten. Wenn eine Situation eskaliert, trägt immer der Mensch die Schuld.

Turid Rugaas Calming Signals - Die Beschwichtigungssignale der Hunde. Animal-Learn-Verlag, 2001. 104 S., Fr. 33.-. Martina Nagel / Clarissa von Reinhardt Stress bei Hunden. Animal-Learn-Verlag, 2003. 136 S., Fr. 33.-. James O'Heare Die Neuropsychologie des Hundes. Animal- Learn-Verlag, 2009. 78 S., Fr. 25.-.