Jährlich 5 Millionen offene Spitalrechnungen

Blinddarmoperationen sind gratis. Das scheint ein Teil der Aargauer Bevölkerung so zu sehen und bezahlt die Krankenversicherung selbst nach einem Notfall nicht.

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Notfall

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Schweiz am Sonntag

Von Sabine Kuster

Es geht hier nicht um jene Aargauer, die ihre Rechnungen nicht selbst begleichen können; es geht nicht um Sozialhilfebezüger und Bedürftige. (Bei Sozialhilfeempfängern begleicht die Gemeinde die Spitalrechnungen.) Hier ist die Rede von einem wachsenden Anteil der Aargauer Bevölkerung, der sich im Spital gratis behandeln lässt, obwohl es sonst ohne Unterstützung zum täglichen Leben reicht.

Zum Beispiel der 29-Jährige, der vergangene Woche zum 47. Mal die Notfallpraxis des Kantonsspitals Baden aufsuchte und sich wegen Herzschmerzen untersuchen liess. Die Diagnose: Verstopfung im linken Oberbauch und eine Angststörung. Der diensthabende Arzt wusste: Geld wird das Spital keines von ihm erhalten. Zwei Sterne kennzeichnen seinen Namen in der Datenbank; der junge Mann bezahlt keine Krankenkassenprämien. Auch die 30 Franken Notfallpauschale muss nicht sofort bezahlt werden und wird in diesem Fall Ende Jahr unbeglichen sein.

Die Spitäler sind bald eine Sorge los

Am 24. September hat der Nationalrat beschlossen, dass die Krankenkassen künftig auf das Sistieren ihrer Leistung verzichten sollen. Allerdings stimmte der Nationalrat dem Antrag von Toni Bortoluzzi zu, der den Kassen die Kompetenz einräumt, über einen allfälligen Leistungsaufschub zu befinden. Nun kommt es auf den Ständerat an, was er zum umstrittenen Artikel 64a des Krankenversicherungsgesetzes (KVG) meint. Des Weitern sollen nicht die Spitäler, sondern die Kassen ihre Kunden betreiben. Im Gegenzug würden die Kassen 85 Prozent der ausstehenden Beträge von den Kantonen zurückerhalten. Das Problem der unbezahlten Behandlungen verlagert sich damit auf die Kantone. Die Steuerzahler begleichen das Defizit nach wie vor. (kus)

«Er ist ein Hypochonder», sagt der Arzt, der den Mann behandelte, «es gibt viele davon.» Aber gerade diese müsse man genau anschauen, nicht, dass man eines Tages etwas Gravierendes übersehe. Doch er findet: Nicht zahlenden Patienten sollte der Zugang zum Notfall erschwert werden zum Beispiel durch eine Schwester, welche die Triage macht. Und zuerst sollten die 30 Franken Notfallpauschale bezahlt werden. «Wenns nicht gratis wäre, würden die nicht kommen», sagt der Arzt.

Rechnungen in der Höhe von 2,9 Millionen Franken waren per Ende Oktober 2009 am Kantonsspital Baden (KSB) unbezahlt; 2,5% des bisherigen Aufwandes. In keinem anderen Aargauer Spital haben die Patienten eine derart schlechte Zahlungsmoral. Marco Bellafiore vom KSB vermutet, dass dies auf den städtischen Charakter der Region Baden zurückzuführen sei.

Nur auf die Notfallpraxis bezogen, sieht es noch schlimmer aus: 88 470 Franken waren bis 29. 10. 2009 noch ausstehend - satte 4,3%. Bellafiore sagt: «Einer, der die Prämien nicht bezahlt, geht eher in die Notfallpraxis, wo jeden Abend ein anderer Arzt Dienst hat, als zu seinem Hausarzt. Die Hemmschwelle ist in der Notfall-
praxis niedriger.»

Am Kantonsspital Aarau gehen hingegen jährlich nur 0,3% des Umsatzes (rund 960 000 Franken und 791 Fälle) verlustig, weil Patienten nicht bezahlen. In diesem Prozentbereich bewegen sich auch die übrigen fünf Aargauer Spitäler. Jedes Jahr kommen so über 5 Millionen Franken zusammen, welche die Spitäler abschreiben müssen. Die Finanzchefs seufzen, aber tun können sie nichts: «Wir haben eine Aufnahmepflicht», heisst es unisono.

«Neben dem Mahnprozedere haben wir leider keine Möglichkeit, Druck auf den Patienten zu erzeugen», sagt Rainer Leuthard, CEO des Spitals Muri. Lediglich bei Wahleingriffen wie einem Kaiserschnitt bei einer nicht normalen Schwangerschaft können sich die Spitäler verweigern oder einen Vorschuss verlangen. Man versucht auch bei Krampfadern ohne Thrombosegefahr, bei nicht dringenden Knieoperationen oder beim Erneuern von Hüftgelenken zurückhaltend zu sein.

Dem kleinen Spital Leuggern fehlen wegen 20 bis 30 Zahlungsunwilligen jährlich über 30 000 Franken. «Die Betreibungen sind aufwändig und frustrierend», sagt Direktor Alfred Zimmermann. Er habe einmal eine ferne Bekannte, die ihre Krankenkassenprämie nicht bezahlte, in seinem Spital besucht. Sie habe ihm mitten ins Gesicht gesagt: «Ich habe nicht die Absicht zu bezahlen.» Zimmermann sagt: «Das gibt einem zu denken.»

Das Spital Zofingen, nahe der Solothurner, Berner und Luzerner Kantonsgrenze, kämpft mit einem weiteren Übel: Ist ein Patient nur kantonal versichert und landet wegen eines Notfalls nicht in einem Spital des Heimatkantons, dann zahlt der Kanton seine Hälfte nicht. Und wenn der Kanton nicht bezahle, wolle meist auch die Kasse nicht bezahlen, sagt Direktor Robert Rhiner. «Wir machen eine gute Blinddarmoperation und kriegen am Ende keinen roten Heller», klagt er. Bemerkt man es hingegen vorher, dass der Patient nur kantonal versichert ist, versucht man ihn zu verlegen. «Für die Kranken ist es eine schlimme Erfahrung, wenn sie abgeschoben werden.»

Dieses Problem wird mit dem überarbeiteten Artikel 64a des Krankenversicherungsgesetzes behoben und national geregelt. Das Problem der sinkenden Zahlungsmoral bleibt bestehen.

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