Urs Moser

«Frei lebende Hirsche im Aargau, das wäre eine Touristen-Attraktion», schwelgt Staufens Gemeindeammann Richard Zuckschwerdt bereits in Zukunftsfantasien. Zuckschwerdt ist passionierter Jäger, Jagdleiter in Birrwil und Mitautor einer gestern präsentierten Studie zum Rotwild im Aargau. Von seinen Jagdreisen nach Ungarn weiss er, dass dort die Leute von weit her kommen, um dem Röhren der stolzen Waldbewohner zu lauschen.

Solche Ideen aus dem Mund eines Aargauer Jägers sind keine Selbstverständlichkeit. Denn hier sind die Waidmänner eigentlich darauf gedrillt, den Finger krumm zu machen, wenn ihnen ausnahmsweise einmal ein verirrter Rothirsch vor den Lauf gerät. Man hielt das vor 200 Jahren fast ganz ausgerottete und heute hauptsächlich in Bergregionen lebende Tier bewusst fern vom Mittelland. Denn der Hirsch richtet gröbere Schäden an als das viel kleinere Reh und ist nicht gerade der Intimfreund von Forst- und Landwirten.

Sollte aber tatsächlich dereinst wieder eine ansehnliche Population hier heimisch werden können, wäre wohl auf viele Jahre hinaus auf eine Bejagung des Königs der Wälder zu verzichten. Und nicht nur das: Um den sensiblen Hirsch nicht sofort wieder zu vertreiben ist auch denkbar, dass bei der heutigen Treibjagd auf Rehe mit Laufhunden umgedacht werden müsste.

Jäger sind für Jagdverzicht

Gibt der Aargauer Jäger also dem Hirsch eine Chance? Das wollte man sowohl beim Jagdschutzverein wie bei Pro Natura genauer wissen. Cédric Berli, der gerade bei Pro Natura Aargau ein Praktikum absolviert, startete die gestern veröffentlichte Analyse. Eine Umfrage bei den Obmännern der 127 Jagdreviere ergab: 76 Prozent der Jäger befürworten die Einwanderung des Rothirschs in den Aargau und würden sie als Bereicherung von Landschaft und Jagd betrachten. Sogar 89 Prozent sprachen sich für einen freiwilligen Jagdverzicht aus. Wobei auf freiwillig eine ganz klare Betonung liegt.

Denn sollte sich wieder eine einheimische Hirschpopulation im Aargau entwickeln, will man auch schnell eingreifen können, wenn es Probleme gibt, etwa an einem bestimmten Ort die angerichteten Verbissschäden überhand nehmen. Ist der Hirsch einmal unter Schutz gestellt, wäre das kaum innert nützlicher Frist wieder rückgängig zu machen. Deshalb pochen die Jäger darauf, dass man ihrem eigenverantwortlichen Handeln vertraut. So wie sie es mit dem langjährigen Verzicht auf die Jagd des bedrohten Feldhasen unter Beweis gestellt haben.

Dass unter dieser Voraussetzung aus waidmännischer Sicht nichts gegen den Hirsch spricht, bringt Thomas Laube, zivilberuflicher Steueramtsvorsteher und Jagdleiter Diana Lenzburg, mit einer griffigen Formel auf den Punkt: «Bundes- und Kantonsrecht sagen, einheimische Wildtiere sind zu erhalten und zu fördern. Das ist Grundlage genug, den Hirsch nicht nur im Roggenhauser Täli und im Wappen von Hirschthal zu dulden.»

Voraussetzungen wären ideal

Jäger und Naturschützer sind ich einig, dass ein kontrollierter Hirschbestand nur unter Einbezug der Interessen und Bedenken von Forst- und Landwirtschaft zu realisieren ist. Aber kommt der Hirsch überhaupt, wenn man ihn denn lässt? Davon sind die Autoren der Analyse zum Rotwild überzeugt. Mit seinem vorbildlichen Auenschutz würde der Aargau geradezu ideale Voraussetzungen für die Rückkehr des Rothirschs schaffen, sagt Pro-Natura-Präsident Thomas Urfer.

Tatsächlich sei der Hirsch ursprünglich nämlich ein Auenbewohner, erläutert dazu Cédric Berli. Wasser scheine eine geradezu magische Anziehungskraft auf die Tiere auszuüben. Allerdings gilt der Hirsch als äusserst sensibel. Er braucht Rückzugsräume mit absoluter Ruhe, was im Aargau trotz einem hohen Waldanteil von 35 Prozent der Kantonsfläche zum Problem werden könnte.

Wie weit sich der Hirsch wie die kleineren Rehe an Störungsquellen einer dichteren Zivilisation gewöhnt, ist nicht sicher. Beispiele dafür gibt es aber, wie die Analyse zum Rotwild festhält: So lebt etwa in Nordbayern eine grössere Anzahl Rothirsche auf dem Gebiet eines Truppenübungsplatzes der US-Streitkräfte.