Reusstal

Ist das Reusstal zur «Schachbrettwüste» verkommen?

Bilder: Klaus Ewald

Reusstal

Bilder: Klaus Ewald

Das Buch «Die ausgewechselte Landschaft» kritisiert ein Heiligtum: das Reusstal, international bekannt als Refugium für seltene Vögel, Amphibien und Pflanzen. Die These der Autoren Klaus C. Ewald und Gregor Klaus: Das Reusstal ist eine «normalst einfältige Dutzendlandschaft». Bei den Betroffenen ist Feuer im Dach.

Jörg Baumann

Tausende von Spaziergängern haben das Reusstal in den letzten Jahren in ihr Herz geschlossen. Sie rühmen das Tal, weil es ihnen das Bild von einer noch intakten und vielfältigen Landschaft vermittelt. In diesem Tal schöpfen gerade Städter Ruhe vom hektischen Alltag.

Mit Fallbeispielen beleuchten die Autoren Klaus C. Ewald, emeritierter Professor für Landschaftspflege in Freiburg und für Natur und Landschaftsschutz an der ETH Zürich, und der Wissenschaftsjournalist Gregor Klaus den rasanten Landschaftswandel in der Schweiz. Sie nehmen die Leser mit auf eine Reise quer durch die Alpen und das Mittelland. Auch die Story um die Freiburger Gemeinde Galmiz, wo ein internationaler Konzern die Landschaft um ein Haar zerstört hätte, wird nicht ausgeklammert.

Kritisches zum Fall Reusstal

Wer bisher glaubte, gerade das den Klauen der Bauspekulanten entrissene Aargauer Reusstal müsse von der Kritik von Ewald und Klaus verschont bleiben, muss die Hefte revidieren: Über 75 der 710 Buchseiten widmen die Autoren der Reusstallandschaft, die aus ihrer Sicht zur «normalst einfältigen Dutzendlandschaft» und zur «Schachbrettwüste» verkommen sei.

Auf die Anklagebank kommt die Landwirtschaft: Die Bauern hätten vor einer wichtigen Volksabstimmung über die Reusstalsanierung (1969) «wahllos Einzelbäume und Hecken beseitigt». Zwischen 1961 und 1968 verschwand praktisch die Hälfte der schützenswerten Riedflächen in «einer kalten Melioration». Der Kanton Aargau musste handeln: Er stellte die bedrohte Reussebene unter Schutz, um weiteren Zerstörungen Einhalt zu gebieten.

Reusstal als Nationalpark

Der «Tages-Anzeiger» machte in der heissen Abstimmungphase eine Rechnung auf: Mit dem Geld, das in die Melioration gesteckt werde, könne man «das Land aufkaufen und das Reusstal in einen Nationalpark umwandeln». Auch Ewald und Klaus rechneten: Die Reusstalsanierung kostete ohne das Kraftwerk Zufikon 120 Millionen Franken. Hätte man, so die Autoren, nur einen einfachen Hochwasserschutz realisiert, hätte man 100 Millionen Franken sparen können.

«Die 100 Millionen Franken wurden im weiteren Sinn nur gebraucht, um die Produktionsbedingungen für drei Promille der Schweizer Vollerwerbsbetriebe zu verbessern.» Mit den 100 Millionen Franken hätte man die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche von 2500 Hektaren im Sanierungsgebiet aufkaufen können. Die «landlosen Bauern» hätte man laut den Autoren als Landschaftspfleger einsetzen und über die üblichen Landwirtschaftssubventionen entschädigen können. «Doch nur schon dieser Gedanke wurde damals als höchst unmoralisch gebrandmarkt.»

Verluste zu verzeichnen

Ewald und Klaus liefern ein ausführliches Kartenmaterial. Damit soll nachgewiesen werden, dass es auch in jüngerer Zeit noch Verluste an prägenden Landschaftselementen gegeben habe. Die Autoren zitieren aus einer Diplomarbeit von 2005: Demnach wurden vor allem im Landwirtschaftsgebiet zwischen 1971 und 2005 zahlreiche Einzelbäume, Feldgehölze, Gebüsche und Hecken entfernt - 59 Prozent im Landwirtschaftsgebiet, aber zum Glück nur 3 Prozent in den Naturschutzgebieten.
Das Ziel, die Parklandschaft zu erhalten, sei damit «wohl nicht erreicht worden», meinen Ewald und Klaus. Immerhin zählen die Autoren den Auenschutz zu den Gewinnern im Reusstal. Die Umsetzung des Auenschutzparks im Aargau sei bereits heute «in der Landschaft sichtbar».

Das grundsätzliche Problem beim Umgang der Schweiz mit ihren natürlichen Ressourcen sei die Tendenz, «alles zu Geld zu machen und alles, was nicht zu Geld gemacht werden kann, zu beseitigen», schreiben die Autoren im Vorwort. Wir müssten wieder «ein Gefühl für die Wohnlichkeit der Landschaft bekommen». Die totale Auswechslung der Landschaft sei «keine Zukunftsperspektive, sondern ein Armutszeugnis».

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1