Irgendwie ist alles irgendwie egal . . .

«Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends» feierte Premiere Ein anregender Abend auf der Kleinen Bühne im Theater Basel mit Liedern und Texten nach PeterLicht.

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bz Basellandschaftliche Zeitung

Von Joerg Jermann

Das Ensemble sitzt interessiert und locker auf den Stühlen der Bühne, schaut sich das Publikum an, als wäre es am Spielen. Ein starker Anfang, so locker er auch daherkommt. Dann erzählen uns die Leute dort oben eine Geschichte: Ein Mann scheint zufrieden und unbeschädigt, aber eins ums andere löst sich auf, wird ihm wertlos, schwindet, wird von einem Loch eingesaugt, alle Habe ist weg, schliesslich flutscht auch er weg aus dieser Welt. Eine surreale Geschichte, gewiss, sie nennt sich «Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends», ein abstruser Titel. Schräg und Glatteis wie alles, was dieser PeterLicht schreibt: ein Abgesang auf die Zukunft der Welt.

Eigentlich ist der Wetterbericht gut, irgendwie. Aber es gibt vereinzelte Wolken und es kann schon überall regnen, es ist eigentlich schon eine mittlere Überschwemmung, aber der Wetterbericht ist gut, keine Sorge. Es geht mir gut, sagt der Mann, ich bin gesund und habe etwas Geld. Zuwenig, aber knapp genug. Überall klimpert es, das regt ihn auf. Er scheint alles zu hassen, irgendwie. Eine Art Meteorit hat real und geistig eingeschlagen. Aber im Moment

ist ja noch und wieder Ruhe und wir geniessen unsern Morgenkaffee. Aber auch das ist relativ und gefährdet:

«Die Schwerkraft wird überbewertet», sagt PeterLicht und «die Sonne kocht auch nur mit Wasser, die soll sich nicht so aufspielen, die gelbe Sau!» Alltagssätze nimmt er aufs Korn: «Es gibt schon TV-Sendungen, die in Ordnung sind, doch doch. Meinen kleinen Kaffee am Morgen jedenfalls, also den brauch ich ganz einfach.»

PeterLicht sagt nie, wie es genau ausgeht, man ahnt aber Schlimmes. Handkehrum sind seine Lieder so sehnsüchtig und schön traurig, dass es einem in der Welt wieder warm ums Herz wird. Es ist «eine Ignoranz-Performance von einem Ignoranz-Performer», irgendwie. Der erste Teil ist der eigentliche Titeltext, ein Monolog von PeterLicht, der auf der Bühne von den Schauspielern gemeinsam erzählt wird. PeterLichts erstes Buch «Wir werden siegen! Buch vom Ende des Kapitalismus» liefert dann Texte, die mit den Liedern des zweiten Teils verwoben werden.

Die Lieder sind einfach gebaut, langsam, oft zurückhaltend, fein, abrupt aber auch wieder heftig und schrill. Alles endet in einem belanglosen und etwas abgestellten Lalalalalaa. Der Rückzug ins Private scheint ein Trend. Schliesslich singen sie vom Kapitalismus, der tot sein soll, vorbei. Ist das gewetzter Zynismus? Peter Licht nennt es am Ende in der wohlverdienten Zugabe «gute Nachrichten aus dem Funkloch seiner Existenz». Ohaaa! Es gebe einen geraden Weg, singen denn auch alle irgendwie ungläubig.

Die Inszenierung von Hausregisseurin Florentine Klepper macht aus dem Monolog geschickt mit einfachen Mitteln einen Bericht von neun Ensemblemitgliedern. Und diese Ensemble-Arbeit zieht sie im zweiten Teil mit den Liedern weiter. Die Lieder, das Schräge, der Surrealismus begeistern, man erinnert sich an die Schwärze von Daniil Charms, an die Absurditäten eines Jean Tardieu oder Ionesco. Frau Klepper reiht locker Song an Song, die Requisiten sind einesteils zahlreiche Instrumente, andererseits kuriose Dinge, Habe, Kitsch, Mist, Kapitalismus-Ausstoss. Die Bühne von Chalune Seibert zeigt entsprechend fliegende Sofas und Stühle.

Das Ensemble erzielt grossen Applaus und muss Zugaben bringen. Unter der musikalischen Leitung von Tobias Hofmann zitieren, spielen und singen phasenweise hinreissend skurril und halbbacken an ihren Instrumenten Andrea Bettini, Carina Braunschmitt, Tumasch Clamüna, Inga Eckemeier, Isabelle Menke, Tobias Hoffmann, Pascal Lalo, Florian Müller-Morungen und Janneck Petri.

Sie nehmen die Jugend aufs Korn und stimmen mit ihrem diffusen Blick ins dritte Jahrtausend nachdenklich: «Wir sind jung und machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, denn später wollen wir uns auch mal etwas leisten können, damit der Alltag etwas weniger grau wird.» Eben sangen sie noch, dass der Kapitalismus tot sei. Auch irgendwie egal.

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