In Winter gibts nur wenig Schlaf

In Winter gibts nur wenig Schlaf

In Winter gibts nur wenig Schlaf

Bauamtangestellter Guido Rölli aus Reitnau steht für die Bevölkerung mitten in der Nacht auf. Zum Skifahren bleibt ihm jetzt auch keine Zeit, dafür wird er hin und wieder zum Kaffee eingeladen.

Nadia Rambaldi

Schnee fällt auf die Gemeinde Reitnau und setzt sich zu einem weissen, dünnen Teppich fest. Nur selten fährt an diesem verschneiten Morgen ein Auto am Werkhof der Gemeinde vorbei. Doch plötzlich ist von weitem Motorengeräusch zu hören, das langsam näher kommt.

Kurz darauf biegt das orange Fahrzeug des Bauamtangestellten Guido Rölli auf den Platz vor dem Werkhof ein. Auf der Ladefläche liegen grosse Plastiksäcke voller PET-Flaschen, die er einmal pro Woche von der Abfallsammelstelle zum Werkhof fährt. Nach der Begrüssung hieft Guido Rölli die Plastiksäcke lächelnd von der Ladefläche auf den Boden.

Wenig Schlaf

Im Winter, wenns sehr kalt ist, kann Guido Rölli kaum eine Nacht durchschlafen. Er erwacht täglich um 3 Uhr in der Früh. Danach macht er mit seinem Roller eine Rundfahrt durchs Dorf, um zu schauen, ob die Strassen glatt sind. Wenn ja, muss er sie salzen, bevor die Reitnauer erwachen und zur Arbeit fahren.

Sind die Strassen im Dorf in Ordnung, legt sich Guido Rölli in seinem Wohnzimmer auf das Sofa. «So wecke ich meine Frau nicht auf», erklärt der 37-Jährige. Bis um 6 Uhr steht er jede halbe Stunde auf, um zu schauen, ob es nicht doch noch zu schneien angefangen hat. «Einmal ging ich dreimal auf, um aus dem Fenster zu schauen. Als ich dann um sieben Uhr aufgestanden bin, war trotzdem schon alles weiss», erinnert er sich. Das ärgere natürlich die Leute, aber «man kann es sowieso nie allen recht machen».

Aufgewachsen in Triengen, ist Guido Rölli vor 13 Jahren nach Reitnau gezogen und wohnt seither mit seiner Frau Sandra und den Kindern Philip (12) und Jenny (10) im Hofacker. Im Jahr 2003 hat er sich auf die Stelle als Bauamtangestellter in der Gemeinde beworben, zuvor arbeitete der gelernte Landschaftsgärtner als Lagerist. Es sei nicht selbstverständlich gewesen, dass er als Auswärtiger die Stelle im Bauamt bekam. Doch sei er als Landschaftsgärtner vertraut im Umgang mit Maschinen. Und: «Geholfen hat sicher, dass ich hier seit 1999 in der Feuerwehr bin», erklärt er stolz.

Zum Kaffee eingeladen

Seither widmet er sich seiner abwechslungsreichen Arbeit mit Freude. Seine Aufgaben variieren je nach Jahrszeit, wobei der Winter aufgrund des Winterdienstes die anspruchsvollste Zeit ist, da bleibt keine Zeit für Freizeit. In den Skiferien war Guido Rölli schon lange nicht mehr. Letztes Jahr war der Winter besonders hart: «Zwischen dem ersten und dem letzten Winterdienst lagen ganze fünf Monate, da musste ich die Salzreserven ziemlich sprengen», erinnert sich der Bauämter.

Doch auch während der kalten Jahreszeit erfreut er sich an kleinen Dingen. Zum Beispiel, dass das neue Bauamtfahrzeug eine Heizung besitzt oder dass die Reitnauer ihn zwischendurch auf einen Kaffee einladen. Gute Strassen für Bergrennen

Auch im Frühling geht es streng weiter, wenn all die Strassenschäden zum Vorschein kommen, die Väterchen Frost angerichtet hat. Nicht umsonst nennt man Rölli, nebst der eher seltenen Bezeichnung Werkknecht, auch Strassenwärter. «Im Frühling fülle ich Schlaglöcher, bekiese die Wege frisch und schneide die Hecken an den Strassenrändern zurück.» Für Belagssanierungen von asphaltierten Strassen müssen Offerten von Firmen eingeholt werden. Nicht zuletzt auch, damit für das Bergrennen die Strassen in gutem Zustand sind.

Guido Rölli ist auch für die Vorbereitung der Rennstrecke zuständig. Dafür muss er entlang der Strecke Leitplanken montieren und Hindernisse wie das Häuschen beim Dorfeingang, Hydranten und Fahnenstangen abmontieren oder ab-decken.

Der Sommer ist die Jahreszeit, in welcher sich Guido Rölli mit seiner Familie einige Wochen Campingferien gönnt. Machmal bleibt sogar Zeit, sich seinem Hobby, dem Bogenschiessen, zu widmen.

Im Herbst geht es dann wieder strenger zu und her. Schliesslich müssen Berge von Laub von den Strassen und Trottoirs geschafft werden. «Seit zwei Jahren habe ich ein Laubsauggerät, so geht es einfacher», erzählt Rölli lächelnd.

Unabhängig von der Jahreszeit amtet Guido Rölli auch als Brunnenmeister und kümmert sich um die Wasserversorgung der Gemeinde Reitnau. Zweimal im Jahr, im Frühling und im Herbst, entnimmt er Wasserproben und lässt sie untersuchen. Er misst Menge und Temperatur des Quellwassers und testet jeden Monat, ob die Löschklappen bei den Wasserreservoirs noch funktionieren, sodass die Wasserreserven in einem Brandfall sofort von der Feuerwehr angezapft werden können.

Auch das Wasserleitungsnetz muss periodisch auf undichte Stellen kontrolliert werden. Dafür muss Guido Rölli die Leitungen mit einer Apparatur abhören. Das geschieht am besten nachts, wenn alle schlafen und wenig Wasser fliesst. In der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch, zwischen 2 Uhr und 3.30 Uhr, sei es am ruhigsten: «Am Montagabend wird die Woche gerne mit einem Feierabendbier eingeläutet und am Mittwoch und Donnerstag hat man bereits das Wochenende im Hinterkopf. Am Dienstag bleiben die meisten zu Hause», erklärt Rölli.

Gedicht von alter Dame

«Es gibt nichts, was ich nicht gerne mache», sagt der Bauamtsangestellte. Wenn er von seiner Arbeit spricht, leuchten seine Augen und er hat stets ein Lächeln im Gesicht. Er schätzt den Kontakt zur Reitnauer Bevölkerung und fühlt sich gut akzeptiert, «obwohl ich kein Reitnauer bin», erzählt er schmunzelnd.

Schlechte Erlebnisse habe er bis anhin keine gehabt. Im Gegenteil: Nicht selten bekommt er von dankbaren Bürgern einen Fünfliber zugesteckt. Einmal hat er von einer alten Dame ein Gedicht geschenkt bekommen, zusammen mit einer Flasche Wein. «Ich habe ihr regelmässig ihre schneebedeckte Ausfahrt bis zur Garage geräumt.» Auch die unregelmässigen Arbeitszeiten mache ihm nichts aus, sein Mobiltelefon ist immer eingeschaltet. «Am Anfang habe ich deswegen schlecht geschlafen. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, immer auf Abruf zu sein.»

Nach reichlicher Überlegung kommt Rölli doch noch etwas in den Sinn, was er als Bauamtangestellter nicht so gerne macht: «Ich mag es nicht, wenn ich den Leuten den Abfall trennen muss», sagt er bestimmt. Leider komme es immer noch vor, dass Personen ihren Abfall einfach bei der Sammelstelle hinstellten. Glas, PET, Aluminium und Haushaltabfälle, alles im gleichen Sack. Trotzdem: «Ich könnte mir keinen besseren Job vorstellen.»

Meistgesehen

Artboard 1