Brigit Leuenberger

«Natürlich dürfen Männer auch mitkommen», räumt Ruth Jaeggi ein. Lieber ist es ihr jedoch, wenn die angehenden Bräute ihre Brautführerinnen, Mütter oder Gross-mütter mitbringen. «Wenn dann noch die Schneiderin kommt, wird es oft richtig unterhaltsam», erzählt die Geschäftsinhaberin. Dann sitzen die Frauen zuweilen auf dem grossen Teppich, die Schneiderin steckt das Kleid ab - und alle geben dazu ihre Meinung. «Und immer wieder wird viel gelacht.» Dagegen hat es Ruth Jaeggi schon erlebt, dass Braut und Bräutigam sich nicht auf ein Kleid einigen konnten und deswegen Krach bekommen haben. «Am besten ist es schon, wenn der Mann die Frau erst am Hochzeitstag im Kleid und mit allen Accessoires sehen kann», ist sie überzeugt.

Ruth Jaeggi ist eine aufgestellte Frau mit wachen, dunklen Augen. Man nimmt ihr gerne ab, dass die Bräute, die bei ihr einkaufen, die vertrauliche Atmosphäre ihres kleinen Studios schätzen. «Die meisten kommen aus der Region, einzelne sogar aus Zürich, Basel oder Genf», erzählt sie.

Wohin mit den alten Kleidern?

Die gelernte Pharmaassistentin und Mutter dreier erwachsener Kinder hat vor elf Jahren in Jegenstorf ein Geschäft für Brautmode eröffnet. Anfangs handelte sie vor allem mit Secondhandkleidern, später kamen immer mehr neue hinzu. Heute verdient sie ihr Geld vor allem mit der Vermietung von Kleidern. «Die Frauen möchten nicht wissen, wer das Kleid vor ihnen getragen hat, sie wollen die Frau nicht kennen lernen. Vermutlich hat das mit dem weiblichen Konkurrenzdenken zu tun», überlegt Ruth Jaeggi. Deshalb habe sie sich je länger je mehr aus dem Secondhandgeschäft zurückgezogen. Rund 20 bis 30 Kleider sind in ihrem Geschäft zur Ausleihe bereit. Bräute bezahlen je nach Kleid und Accessoires zwischen 400 und 800 Franken für die Miete. «In der Regel vermiete ich die Kleider zwei- bis dreimal. Passt die Grösse einer Frau nicht, bestelle ich auch ein Neues.»

Was aber geschieht mit den Kleidern, die nicht mehr vermietet werden können? «Die gehen nach Brasilien, auf die Philippinen oder nach Rumänien», erklärt die vife Geschäftsfrau. Daran verdiene sie aber nichts mehr. «In Brasilien beispielsweise kommen sie zu einem Orden, von wo sie armen Leute für ihre Hochzeit unentgeltlich ausgeliehen werden.» In Rumänien werden die Hochzeitskleider an eine Schneiderei weitergegeben. Angehende Schneiderinnen können daran das Handwerk lernen. «Auf die Philippinen gelangen sie über ein Hilfswerk. Problematisch ist dabei, dass die Philippininnen so zierlich und klein sind. Ihnen sind unsere Kleider oft zu gross», bemerkt Ruth Jaeggi.

Ohne jeglichen Luxus

Das kleine Studio an der Aarbergstrasse ist eine Augenweide für angehende Bräute. Da findet sich eine Vielzahl weisser, rosafarbener und roter Kleider. Dort finden sich Perlenketten, glitzernde Krönchen, Strapsbänder mit Stickereien, Hüte mit Schleier, zartweisse Schuhe. «Es ist ein Frauentraum, in Weiss zu heiraten», ist sich Ruth Jaeggi sicher. Natürlich gäbe es hin und wieder Frauen, die betonten, dass sie kein weisses Kleid für ihre Hochzeit wollten, «meistens steht dahinter aber ein Mann, der das nicht will», weiss sie aus Erfahrung.

Wie viele und wie häufig Kundinnen ihr Studio frequentieren, kann Ruth Jaeggi nicht beziffern. Sie macht ihre Arbeit vor allem aus Freude an der Sache. Hat sie keine Termine in ihrer Agenda, packt sie gerne ihren Rucksack und zieht ihre Wanderschuhe an. «Ich reise sehr gerne», verrät sie. Dabei sei sie am liebsten zu Fuss und ohne jeglichen Luxus unterwegs. «Wenn ich ein Land bereise, muss ich nahe an den Menschen dransein. Das ist mir wichtig.» Vor einem Jahr war sie während eines Monats in Indien unterwegs. Ihre Sehnsucht nach fremden Ländern und Kulturen ist noch lange nicht gestillt. «Aufs Brautstudio möchte ich aber nicht verzichten, denn diese Arbeit schätze ich sehr.»