Zu Allerheiligen
In Ewigkeit spielen Sterbliche – Minigolf

Niemand kennt die Koordinaten von Ewigkeit – also fuhren wir mit genug Diesel im Tank einfach mal hin. Die Hausnummern von Ewigkeit in Südbayern lassen sich an einer Hand abzählen.

Max Dohner
Merken
Drucken
Teilen
Ewigkeit hat vier Hausnummern. Der Besucher erwartet einen Schrein, einen Kornkreis, eine Einsiedelei – aber dann zeigt ein Pfeil in den Wald.

Ewigkeit hat vier Hausnummern. Der Besucher erwartet einen Schrein, einen Kornkreis, eine Einsiedelei – aber dann zeigt ein Pfeil in den Wald.

Wanderprediger mögen gekleidet sein, wie sie wollen. Gefragt, sobald sie von Ewigkeit reden: «Sind Sie schon mal dort gewesen?», stösst man gewöhnlich auf Unverständnis oder Missmut. Von Ewigkeit haben die meisten keine Ahnung; Prediger sind nun mal keine Geografen.

Man darf indes getrost auch mal um Koordinaten bitten, einen Fingerzeig erheischen für die ungefähre Richtung. Schliesslich waren schon mal ein paar Leute dahin aufgebrochen (in Monty Python’s Film «Der Sinn des Lebens»), mit dem eigenen Sportwagen, nach Genuss zu vieler Giftpilze beim lustigen Dinner.

Drum ohne weiteres Federlesen: Ja – man kann nach Ewigkeit fahren. Selbstverständlich. Etwa mit einem VW Passat Diesel, wie er uns zur Verfügung stand. Man kann sogar mit der Bahn in die Nähe zuckeln und bewältigt das letzte Stück auf Schusters Rappen. Solchen Vögeln sind wir begegnet. Viele wussten nicht, dass sie Ewigkeit durchwanderten. Vielleicht wären sie erschrocken; vielleicht hätte es sie amüsiert; vergessen hätten sie es bestimmt nie mehr.

So ist es auch uns ergangen, dem Fotografen Mathias Marx und mir: Ewigkeit ist kein flüchtiger Stopp. Als wir während einer Reise kreuz und quer durch Bayern (siehe «Nordwestschweiz» vom 13. und 14. September) auf einer Landesgrafik zufällig auf den Namen stiessen, fragten wir einander: «Warst du mal in Ewigkeit? Hast du je davon gelesen oder gehört?» Es fühlte sich schäbig an, aber noch nie im Leben strolchten wir durch Ewigkeit. Und die Aussicht, im nächsten Leben wieder hinzukommen, steht fifty-fifty.

Also packten wir jetzt die Chance. Reichte der Diesel im Tank, hin und zurück? «In Ewigkeit, das kann ich dir flüstern, bleib ich nicht; ich will heil wieder nach Hause.» Sofort drosselten wir auf der Autobahn die Geschwindigkeit. Der scherzhafte Ton mag im Innersten einem abergläubischen Schauder entsprungen sein: «Mit der Ewigkeit kannst du nicht spassen, sonst holt sie dich ein zum Hohn, und nie kehrst du je wieder aus der Verbannung zurück.»

Nach der Autobahn folgte der Knackpunkt unserer Expedition, ein Kreisel mit drei Ausfahrten: Welche nehmen? Auf Geratewohl, wegen eines Gefühls im Bauch, mit diesem Kitzeln in der Nase? Ewigkeit winkt trügerisch und führt gewaltig in die Irre – das wussten wir nicht, wir spürten es bloss in den Knochen.

Unsere Strassenkarte, trotz ihrer Grösse eines Bettlakens, enthielt keinen Flecken Ewigkeit. Gleichgültig lotste uns die Dame im Bord-GPS lediglich zu einem Kaff namens Obersimbach, wo wir auf Feldwegen parkten und ringsum schauten: Verdammte Ewigkeit – es musste dafür doch markant ein Zeichen geben!

Hügel erstreckten sich wie ozeanische Wellen im Nachmittagsdunst eines trägen Altweibersommers. Die Bordsirene flehte, am Ende ihres monotonen Lateins: «Bitte wenden! Bitte wenden!», bis wir ihr per Knopf den Hals umdrehten. Nun herrschte aller neuzeitlichen Technik ferne Stille. Es hörte sich an wie Ewigkeit, aber welche Stille bestätigt dir das? Der Kollege fischte sein Handy raus und drückte auf die App des deutschen Telefonbuchs; kombiniert war es mit einem GPS-Service. Es machte «Plop», als fiele ein Stein ins Wasser – wir hatten Empfang! Noch funkte irgendeine Antenne, noch waren wir nicht im Nirvana ...

Ein blauer Kreis leuchtete auf, nicht weit von einer im Nichts dümpelnden Stecknadel mit blutrotem Kugelkopf. Die Angaben waren sensationell präzise, im Vergleich zu unserem nebulösen Abenteuer: Nach zehn Metern links abzweigen, 1,6 Kilometer Distanz, drei Minuten Fahrtzeit. Der blaue Punkt ruckte zur Nadel. Wir schauten gebannt der Annäherung zu. Immerhin hatte sich Dante einst von Äneas in die Schattenwelt führen lassen, während uns hier ein profaner und doch zauberischer Hosentaschen-Piepser leitete. Und dann deckten sich Stecknadel und Kreis; eine Blechstimme meldete mit ungerührter Stereotypie:

«Sie haben Ihr Ziel erreicht.»

Wir hoben die Augen vom Handy. Wir reckten die Hälse, spähten aus dem Passat, Rücken an Rücken, wie die Besatzung eines Panzers, die nach dem Öffnen der Luke zunächst nach allen Seiten sichert. Vorsichtiger hatte sich Neil Armstrong vor 44 Jahren wohl kaum auf die Mondfläche getraut. Und dann setzten wir unseren ersten Fussabdruck im gebeingelben Kalksteinstaub von Ewigkeit.

Und worin bestand die Offenbarung? Was warf uns schier um?

Nichts.

Es gab eine Bank – also setzten wir uns und zündeten eine Zigarette an: Ewigkeit atmen, dazu rauchen, blauer Dunst alles in allem, ohne Unterschied zu sonst einem Ort unter freiem Himmel. Vor uns, auf Augenhöhe, wölbte sich das ordinäre Strassenbord. Nebenan gähnte schief ein leerer Müllkorb. Offenbar streckte kein Mensch die Glieder in Ewigkeit, niemand zerdrückte eine Dose Redbull. An einem Ast baumelte ein Babyschnuller. Dahinter erstreckte sich ein Sonnenblumenfeld, mittendrin der Stahlhaken eines Strommastes. Die Aussicht war nicht trostlos, aber bar jedweden aufregenden Akzents. Hatten wir uns einfach nicht weit genug vorgewagt?

An einem Stamm hing ein grüner Pfeil an einem rostigen Nagel. Ein sandiger Fussweg verlor sich im Laubwald. Von unten, unvermutet gewöhnlich, drang Lärm durchs Gestrüpp: Kindergeschrei. Noch immer in frommer Erwartung eines Schreins, einer Kapelle oder einer Einsiedelei à la Flüeli-Ranft, stapften wir unverdrossen weiter hinab; nur aus Faulheit sollte uns Ewigkeit nicht vorenthalten bleiben.

Endlich lichtete sich der Wald. Es öffnete sich eine künstlich ausgewalzte Lichtung mit verstreuten Betonquadern, umgeben von einem mannshohen Maschendrahtzaun. Eine im Wald versteckte Landeplattform für Ufos? Ein esoterisches Zentrum mit Nudisten im Kornkreis? Ein bajuwarisches Stonehenge? Ein drehbarer Metallbalken mit Laserleser versperrte den Eingang. Es gab eckige und gewundene Rollbahnen, Mauslöcher in deren Mitte, ein paar läppische Hindernisse, flitzende genoppte Kugeln – und all das ergab nun ein ebenso erleichterndes wie niederschmetterndes Bild: In Ewigkeit spielten Sterbliche – Minigolf!

Ein Rätsel blieb doch, an der nächsten Wegbiegung: Von fünf Pappeln waren vier abgeholzt worden. Eine Anwohnerin, Therese Hagen von Ewigkeit Nr. 2, erklärte, warum: Kein morscher Ast soll über Spaziergängern brechen. Ödön von Horváth – da wäre sein Tod noch absurder als in Paris gewesen: als Autor von «Jugend ohne Gott» und 36-jähriger Emigrant im deutschen Ewigkeit von einem Baum erschlagen zu werden.

Therese Hagen und ihr Mann hatten hier ein Haus gekauft, vor gut einem Jahr. Aber dann, sagt sie, «ist mein Mann in die andere Ewigkeit vorausgegangen». Sie will ihm nicht folgen, noch nicht: «Ich habe noch Aufgaben, mit meinen Enkeln und im Garten.» Neulich hat der Postbote von Simbach einen an sie adressierten Brief leicht ergänzt: «Frau Therese Hagen in Ewigkeit – Amen.»