«In die Schweiz kommt nur die Elite»
«In die Schweiz kommt nur die Elite»

Für in Kaderpositionen berufene deutsche Ärzte, die die Kultur an Schweizer Spitälern noch nicht kennen, hält die Aufgabe zahlreiche Fallstricke bereit.

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Barbara Felix und Jürgen Ederer

Barbara Felix und Jürgen Ederer

bz Basellandschaftliche Zeitung

Bojan Stula

Seit 15 Jahren arbeitet Barbara Felix im Kantonsspital Bruderholz. Jürgen Ederer seit zwei Jahren. Beide sind sie Leitende Ärzte, beide stammen aus Bayern. Die wichtigste Gemeinsamkeit aber ist ihre Auffassung, die Radiologe Ederer folgendermassen umschreibt: «In medizinischer Hinsicht ist die Schweiz ein Traumland.»

Felix, die sich in ihrer Zeit auf dem Bruderholz zur Vorsteherin der Diabetes-Beratung hochgearbeitet hat, erklärt: «In der Schweiz kann man sich als Arzt oder Ärztin noch immer auf die klinische Arbeit konzentrieren und den Patienten in den Mittelpunkt stellen.» In Deutschland dagegen würde die Ärzteschaft inzwischen mit derart vielen administrativen Aufgaben «zugemüllt», dass die eigentliche Aufgabe, Menschen zu heilen, fast schon in den Hintergrund trete. Noch gravierender beurteilt die Endokrinologin die unterschiedlichen Karrieremöglichkeiten in beiden Ländern. In Deutschland gelte es vor allem, sich mit Publikationen und wissenschaftlichen Arbeiten für Kaderpositionen aufzudrängen. Die Fixierung der Ärzteschaft auf die Theorie und das Sammeln von Titeln sei entsprechend. Sie nennt ihren eigenen Werdegang als Gegenbeispiel: Im Bruderholz ist Felix aufgrund ihrer praktischen Fähigkeiten zur Leitenden Ärztin und Abteilungs-Vorsteherin aufgestiegen, ohne die Privatdozentur erlangt zu haben. «In Deutschland undenkbar.»

«In Deutschland undenkbar». Dieser Satz fällt im Gespräch mit den beiden Süddeutschen immer wieder. Undenkbar sei im «grossen Kanton», dass ein Assistenzarzt einen Vorgesetzten zuerst grüsse. Undenkbar sei, dass eine Stationsschwester einem Arzt sage, wo's langgeht. «Wenn Sie sich hier als Arzt mit einer Schwester anlegen, kommen Sie flach heraus», entfährt es einer lachenden Felix - und Kollega Ederer nickt eifrig zustimmend.

In den flacheren Hierarchien und der stärkeren Stellung des Pflegepersonals orten die beiden Ärzte die augenfälligsten - und wohltuendsten - Unterschiede zum Spitalalltag in Deutschland. Deshalb kämen Führungskräfte aus Deutschland, die sich dieser kulturellen Unterschiede nicht bewusst sind, im zwischenmenschlichen Bereich schlecht an. «Wer als deutscher Arzt in der Schweiz in einer hohen Kaderposition einsteigt, beispielsweise als Ordinarius, macht gerade bei den Umgangsformen vieles falsch», ist Felix überzeugt.

Unabhängig davon: Deutsche Mediziner drängen vor allem deshalb in die Schweiz, weil sie sich hier viel besser beruflich einbringen und verwirklichen können.«Damit will ich nicht ausschliessen, dass es auch Wirtschaftsflüchtlinge unter den deutschen Ärzten gibt, die vor allem wegen des Geldes hierher kommen», wirft Felix ein. Aber diese stellten, ist sie überzeugt, eine klare Minderheit dar. Die Mehrheit der deutschen Ärzte, die in die Schweiz kommen, bezeichnet Felix als Elite. Nämlich solche, die bereit sind, für die bestmögliche Ausübung ihres Berufs die Brücken zum Heimatland abzubrechen und das Wagnis des Unbekannten einzugehen. «Und davon profitiert die Schweiz in hohem Masse.»

Sowohl Barbara Felix als auch Jürgen Ederer gestehen, dass sie die «Filz»-Vorwürfe der SVP stark beschäftigt und bis zu einem gewissen Grad auch getroffen haben. Das es einen deutschen Ärzte-Filz gebe, der sich gegenseitig die besten Jobs zuschanze, weisen beide von sich. Diabetesexpertin Felix hat aber eine Erklärung dafür, wie eine solche Behauptung entstehen kann: «Die Schweiz ist ein kleines Land, weshalb sich alle Ärzte in einem bestimmten Fachbereich auf Kaderebene kennen. Wenn man einen neuen Arzt anstellt, holt man sich zuerst bei seinem früheren Vorgesetzten Erkundigungen über die Person ein.»

Wenn sich deutsche Chefärzte dieses Netzwerks bedienen, werde dies als Filz ausgelegt. Ausserdem könne dann bei den Nichtberücksichtigten der Eindruck entstehen, dass Deutsche Deutsche bevorzugen. «Dabei geht es bloss darum, jene Bewerber zu finden, die am besten ins Team passen», ergänzt der zweifache Familienvater Ederer.

Aus ihrer Sicht sprechen die Fakten eine klare Sprache: Schweizer Spitäler sind auf deutsche Fachkräfte angewiesen und dankbar dafür, gut ausgebildete und hoch motivierte Angestellte verpflichten zu können. Viele Stelleninserate gerade der Basler Spitäler in deutschen Fachpublikationen seien ein klarer Hinweis darauf, weiss Ederer. Ob sie durch ihre Berufung einem gleich gut qualifizierten Schweizer im Wege gestanden sind? «Nein», antworten beide.

«In der Schweiz werden pro Jahr nur zwei Endokrinologen ausgebildet, und das für fast 8 Millionen Einwohner. Solche Spezialisten werden händeringend gesucht», sagt Felix bezüglich ihres Fachgebiets. Ähnliches gelte für die Radiologie, ergänzt Jürgen Ederer. «Der einzige, der sich eigentlich beklagen müsste, ist Deutschland», gibt Felix zu bedenken. «Dort werden für eine halbe Million Euro pro Studienplatz Ärzte ausgebildet, die auswandern, um jene Lücken zu füllen, die in der Schweiz entstehen, weil das Land bei der Ausbildung spart und zu wenige Ärzte hervorbringt.»

Um bei der Auflistung der Argumente nicht ein falsches Bild entstehen zu lassen: Sowohl Barbara Felix wie Jürgen Ederer sind frei von missionarischem Eifer und froh darüber, im Kantonsspital Bruderholz arbeiten zu dürfen. Sie danken dies mit einer respektvollen Integration in die Schweizer Gesellschaft; Felix wird in diesem Jahr den Schweizer Pass beantragen. Aber als Bayern sind sie gegenüber den Norddeutschen ohnehin im Vorteil: «Schweizer lächeln immer, wenn sie meinen Dialekt hören», freut sich Jürgen Ederer. «Der einzige, der sich eigentlich beklagen müsste, ist Deutschland.»