Mutschellen
In Deutsch gut, in Mathematik so lala

Lehrpersonen tun sich manchmal schwer mit der Notengebung. Und ein Blick in ihre eigenen, früheren Zeugnisse relativiert die Ziffern teilweise, die darin stehen. Lehrpersonen an der Kreisbezirkschule Mutschellen holten vor Schulschluss für die AZ ihre alten Zeugnisse hervor

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In Deutsch gut, in Mathematik so lala
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Leo Blunschi Leo Blunschi: «3-4 in Mathematik hat mich schaurig ‹möge›.»
Martin Vogler Martin Vogler: «Ich musste in der Schule kämpfen.»
Urs Zimmermann Urs Zimmermann: «Noten sind nur ein Teil der Wahrheit.»
Albert Schumacher Albert Schumacher: «Der Deutschlehrer damals hatte recht.»
Denise Rey Denise Rey: «Ich musste keinen grossen Aufwand treiben.»

In Deutsch gut, in Mathematik so lala

Aargauer Zeitung

Eddy Schambron

«Wir waren damals nicht vorinformiert. Man hoffte auf die eine oder andere Aufrundung, man war gespannt, aber nicht aufgeregt.» Das sagt Albert Schumacher, Klassenlehrer 1a an der Kreisbezirksschule Mutschellen. Im Zeugnis des heutigen Deutsch- und Englischlehrers sind in diesen Fächer Noten im Bereich von 5 festgeschrieben. «Mehr als alles andere interessierte mich aber die Turnnote.» Im Sommer brachte er es auf eine 6, weil dann vor allem Leichtathletik getrieben wurde, im Winter auf 5,5, weil ihm Geräteturnen nicht so zusagte.

Der schlechte Aufsatz

Zwei, drei Stunden hat sich Albert Schumacher damals Zeit genommen, um auf einer Brücke die Möwen zu beobachten. Es galt, einen Aufsatz über Tiere zu schreiben. Die Arbeit wurde von seinem Lehrer nur mit einer 4 bewertet. Er bemängelte Stil und Aufbau. «Das hat mich sehr geärgert.» Wenn er den Aufsatz aber heute liest, muss er feststellen: «Mein Deutschlehrer hatte recht, das war Brunz, was ich da zusammengeschrieben habe.»

«Der wird nie Lehrer»

Turnlehrer Martin Vogler hat seine ersten Zeugnisse nicht mehr gefunden. Aber er erinnert sich: «Ich musste kämpfen und war einer der Ersten, die die 1. Bez repetieren mussten.» Aber er wollte immer Lehrer werden, obwohl er es mit seinen 4,75 hauchdünn nicht ans Lehrerseminar schaffte. «»Der wird nie Lehrer», habe sein Klassenlehrer seinem Vater gesagt. Er sollte sich irren. «Je höher die Schule, desto besser wurden die Noten», freut sich Vogler.

«Völlig unkritisch»

Was der Lehrer sagte, das war früher so. Leo Blunschi, Bezlehrer für Mathematik, Physik und Geographie, stellt fest, dass in seiner Jugend Schulnoten «völlig unkritisch» akzeptiert wurden. Ein Blick in seine alten Zeugnisse, die er wider Erwarten auffinden konnte, überraschte ihn zumindest teilweise. In einem Semester schrieb der heutige Mathematiklehrer nämlich in Mathematik eine 3-4. Das hat ihn «schaurig möge», stellt er fest, «nicht damals», unterstreicht er lachend, «sondern jetzt». Heute würden die Schülerinnen und Schüler schon während des Schuljahres ihre Notendurchschnitte genau verfolgen. Und im Gegensatz zu früher werden die Schülerinnen und Schüler schon vor der Zeugnisabgabe im Gespräch unter vier Augen informiert. «Das ergibt dann manchmal auch gute Gespräche über ganz andere Themenbereiche», stellt Albert Schumacher fest.»

Das Mitleiden der Lehrpersonen

«Doch», gesteht Denise Rey, «manchmal tut es weh, eine schlechte Note ins Zeugnis reinzuschreiben.» Aber manchmal lasse sich eben nicht mehr machen und es gelte, eine klare Linie zu verfolgen. Auch Leo Blunschi hat Mitleid, wenn es nicht klappt. «Man sieht, wie sie hart arbeiten, sich anstrengen und dann der Einsatz nicht belohnt wird.» Er würde gerne allen Schülerinnen und Schülern eine motivierende Note geben.

«Es war nie knapp»

Noten waren für Nicole Holliger (Geografie) und Denise Rey (Deutsch und Geschichte) nie ein besonderes Thema. «Es war nie knapp», stellt Nicole Holliger fest. Es gab für sie deshalb auch keine Berechnungen oder Diskussionen. Sie habe die jeweiligen Noten stets auch als gerecht empfunden.

«In der Bez war ich in Geschichte nicht besonders stark», erinnert sich Denise Rey. Aber das Fach interessierte sie trotzdem. Deutsche Grammatik liebte sie sogar, und so sind ihre heutigen Unterrichtsfächer naheliegend. Auch sie kümmerte sich in ihrer Jugend nicht sonderlich um die Noten. «Es reichte immer, ohne dass ich einen grossen Aufwand hätte betreiben müssen.» Sie schrieb deshalb ihre Noten, wie es heute die meisten Schülerinnen und Schüler tun, nicht auf, sondern wartete einfach ihr Zeugnis ab.

Der Fehler im alten Zeugnis

«Ich muss in Bremgarten reklamieren», meint Schulleiter Urs Zimmermann nach der Begutachtung seines alten Zeugnisses aus der Bezirksschule. «Die haben einen Tippfehler gemacht, und jetzt erst, nach 39 Jahren, bemerke ich ihn.» Fehler im Zeugnis können vorkommen, und Eltern reklamieren hin und wieder. Wenn Fehler entdeckt werden, gibt es selbstverständlich eine Korrektur. Nach 39 Jahren allerdings wohl eher nicht mehr.

«Mathematik so lala»

Das war bei Urs Zimmermann, heute Schulleiter an der Kreisbezirkschule Mutschellen, zumindest teilweise anders. «In der Bezirksschule war ich sprachlich stark und in Mathematik so lala.» In der Kanti inte-ressierten ihn Naturwissenschaften stärker, «und es ging mit den Sprachen bachab». Aber im Studium kamen seine sprachlichen Fähigkeiten wieder zum Tragen; 29 Jahre unterrichtete er Deutsch, Französisch und Geschichte. «Noten», sagt der langjährige Lehrer und heutige Schulleiter, «sind nur ein Teil der Wahrheit.»

«Noten geben ist schwierig»

Heute ist die Notengebung für die Lehrpersonen Teil ihrer Arbeit, aber trotzdem keine Routinesache. Darin sind sich alle einig. Sie wollen schliesslich den Schülerinnen und Schülern gerecht werden und ihre Leistungen objektiv bewerten - eine anspruchsvolle Aufgabe. «Ich war jetzt das erste Mal in dieser Situation», sagt die junge Lehrerin Nicole Holliger. «Noten geben ist schwierig. Was zählt man noch dazu, wo rundet man auf, wo ab? Noten geben ist aufwändig.» Turnlehrer Martin Vogel ergänzt, dass Noten nicht allein eine mathematische Sache sind. «Es gilt, auch den Willen und den Einsatz zu bewerten.»