Immer tieferer Abgrund tut sich auf

Keiner weiss, wie tief sich die rätselhaften Gräben in Hellikon im Fricktal noch auftun. Gestern wurde die Gefahrenzone für neue Untersuchungen noch einmal erweitert.

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Urs Moser

Geophysiker Christoph Donié von der gleichnamigen Geo-Consult GmbH im deutschen Karlsbad hat die halbe Nacht auf gestern durchgearbeitet, um seine Messungen zu analysieren. Auf elf Uhr am Mittwochvormittag hat er sich mit dem Helliker Gemeinderat Josef Hasler und Geologe Jürg Stäuble verabredet, um die Situation und das weitere Vorgehen zu besprechen.

Grösser und grössere Löcher

Seit den Festtagen tun sich im Gebiet Neulig ob der Gemeinde Hellikon buchstäblich Abgründe auf. Zwei grosse Löcher klaffen auf einem Feld von Landwirt Karl Schlienger, und sie wurden laufend grösser, 2 Meter breit und bis zu 20 Meter tief. Christoph Donié hat auf einer Fläche von etwa 50 auf 50 Meter um die Krater das Erdreich geophysikalisch untersucht. Gemessen wird der elektrische Widerstand. Je nachdem, wie stark oder schwach der Strom geleitet wird, lässt das Rückschlüsse darauf zu, wie dicht der Boden ist, ob und wie grosse Hohlräume es unter dem Helliker Boden noch gibt. Über seine Erkenntnisse ist von Christoph Donié wenig bis nichts zu erfahren. Höflich, aber bestimmt bittet er darum, von den Medien endlich in Ruhe gelassen zu werden und seine Arbeit tun zu können.

Tun sich neue Gräben auf?

Dramatisch scheint die Situation nicht gerade: Dass mit dem Acker von Bauer Schlienger das ganze Dorf von der Erde verschlungen wird, ist kaum zu befürchten. Aber wirklich beruhigend ist die Szenerie auch nicht. Die Experten und Gemeinderat Hasler treten aus der Absperrung um die Erdlöcher heraus, auf die andere Seite der Strasse Richtung Baselbiet. Sie inspizieren dort den Abhang, an dessen Fuss das Dorf liegt. «Es gibt verschiedene Anomalien im Untergrund», ist aus dem Mund des Geophysikers zumindest zu erfahren. Und die Messungen müssen auf ein grösseres Gebiet ausgedehnt werden: auf den Abhang, an dessen Fuss das Dorf liegt. Es besteht der Verdacht, dass sich dort weitere unterirdische Hohlräume befinden. Immerhin: Akute Einsturzgefahr besteht offenbar nicht, die Verbindungsstrasse ins Baselbiet, die wenige Meter am grossen Erdloch auf dem Feld von Bauer Schlienger vorbeiführt, bleibt offen. Ob und wie viel mehr sich die Erde im Gebiet Neulig ob Hellikon noch auftut, das kann keiner sagen. Jedenfalls noch nicht. Wirklich ungewöhnlich sind solche Erscheinungen in diesem Gebiet nicht. Die Helliker leben seit Jahrhunderten mit den so genannten Dolinen, eine wurde als Katharinenhöhle bekannt: benannt nach der Sage von der Bäuerin Katharina, die von den Höhlen der Erdmännlein schwärmte und in einer solchen verschwand. Nur: Bis jetzt hat sich noch nie ein Erdloch so nah am besiedelten Gebiet aufgetan. Und es ist nicht klar, ob es sich bei den seit den Festtagen bedrohlich wachsenden Kratern um das bekannte Phänomen der Karstlöcher handelt, die sich bilden, wenn sich der poröse Jurastein durch Korrosion löst. Denkbar ist auch eine grössere Erdbewegung, ein unterirdischer Hangrutsch.

Was kann man tun?

Die Experten wollen sich da noch nicht auf die Äste hinauswagen. Die gestern eingeleiteten, zusätzlichen Untersuchungen sollen mehr Klarheit liefern. «Spätestens nächste Woche sollten wir Klarheit haben», sagt Gemeinderat Josef Hasler. Vielleicht wisse man auch heute schon mehr.

Da man bezüglich der Ursache für die rätselhaften Höhlen noch im Dunkeln tappt, ist auch nicht klar, ob und welche Massnahmen allenfalls dagegen ergriffen werden könnten, dass sich die Erde noch weiter auftut. Die Riesenlöcher einfach wieder zuzuschütten, wie das der ehemalige Gemeindeammann Josef Schlienger letzte Woche in Aussicht stellte, dürfte nicht unbedingt die Lösung sein. Abgesehen vom angesichts der immer weiter klaffenden Löcher gewaltigen Materialbedarf könnte das auch kontraproduktiv wirken, ja gefährlich werden: Wenn das ganze Erdreich instabil ist und noch mehr Druck auf den Hang entstünde, an dessen Fuss das Dorf liegt. Untypisch ist übrigens, dass ein solches Phänomen im kalten Winter auftritt. Die Ursache könnte in den starken Regenfällen liegen, die im Dezember niedergingen. Glück im Unglück ist das für Bauer Schlienger: Denn bis mehr Klarheit über die Ausdehnung der unterirdischen Hohlräume herrscht, macht man mit schweren Landwirtschaftsmaschinen doch besser einen Bogen um sein Feld.