«Immer Sex am Samstagabend»

Die Festtage sind oft voller Spannungen. Therapeut Klaus Heer gibt Tipps, wie Paare wieder zusammenfinden. Und sagt, wann eine Beziehung keine Zukunft mehr hat.

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«Immer Sex am Samstagabend»

«Immer Sex am Samstagabend»

Philipp Mäder, Jessica Pfister

Klaus Heer ist sofort bereit, uns ein Interview zu geben. Dass wir bei ihm vorbeikommen, möchte er aber nicht. Dann könne er sich schlechter konzentrieren. Deshalb führen wir das Interview telefonisch – so entstand auch Heers neustes Buch.

Weihnachten liegen hinter uns. Für viele Paare war es wohl weniger ein Fest der Liebe als vielmehr ein Fest der Hiebe. Weshalb?

Klaus Heer: Viele Paare erleben über Weihnachten tatsächlich schwierige Tage. Wenn man Glück hat, sind es nicht physische, sondern nur psychische Hiebe. Je höher die Erwartungen an den Partner sind, desto dorniger werden die Probleme. Glücklich also, wer gar keine Erwartungen hat.

Es kann doch nicht die Lösung sein, an den Partner oder die Familie keine Erwartungen mehr zu haben?

Heer: Doch. Man löst sich mit grossem Vorteil von den eigenen Bedürfnissen. Dann werden sie viel eher befriedigt. Es klingt paradox, ich weiss.

Über die Festtage sind die Erwartungen doch zu Recht höher als während des Jahres: Endlich hat man Zeit füreinander.

Heer: Vielleicht wäre es doch gescheiter, diese geballte Ladung an Kontakten über das Jahr zu verteilen. Nur weil während der Festzeit besonders viele Kerzen flackern, gedeiht die Harmonie nicht besser. Im Gegenteil.

Was raten Sie Paaren und Familien, die angespannte Tage mit Streitereien hinter sich haben?

Heer: Das ist eine fast aussichtslose Frage.

Sie sind der Therapeut!

Heer: Okay. Das Paar sollte sich überlegen: Was können wir in den nächsten Tagen besser machen als an Weihnachten? Nie ist man so intensiv zusammen wie an den Festtagen. Genau das ist Teil des Problems. Je näher man sich ist, desto mehr reibt man sich. Deshalb sollte man klären: Wollen wir tatsächlich die ganze Zeit zusammenstecken? Welche Bedürfnisse haben wir Familienmitglieder in den nächsten Tagen wirklich?

Er soll mal mit seinen Kumpels ein Bier trinken und sie mit den Freundinnen ins Kino?

Heer: Zum Beispiel, ja. Die Bedürfnisse sind natürlich verschieden. Vielleicht möchte er auch in die Berge oder sich mit einem Buch entspannen. Das muss man doch voneinander wissen und wenns geht auch akzeptieren.

Gibt es sinnvolle Vorsätze, die ein Paar für das neue Jahr fassen kann?

Heer: Gute Vorsätze sind des Teufels, man weiss es. Nützlich hingegen sind Abmachungen – am besten in schriftlicher Form. Zum Beispiel: Einmal pro Monat gehen wir am Samstagabend als Paar aus. Eine Beziehung, die länger als drei Monate dauert, kann nicht mehr mit dem Schmetterlingsbonus rechnen. Dann kann man Abmachungen nur ernst nehmen und einhalten, wenn sie in der Agenda stehen.

Das klingt jetzt sehr unromantisch.

Heer: Ja und? Romantik entsteht präzis mithilfe nüchterner Vereinbarungen.

Aber man kann nicht gut sagen: Immer am gleichen Abend, wenn die Kinder im Bett sind, haben wir Sex.

Heer: Doch, genau, etwa immer Sex am Samstagabend. Das ist vereinbarte Sexualität, etwas vom Genialsten, was man machen kann.

Das funktioniert?

Heer: Sicher viel besser als die Idee, Sex müsse sich von selbst ergeben. Schauen Sie: Fast alle Leute, die heimlich eine Affäre haben, müssen dafür Termine festlegen. Und genau deshalb läuft der Sex dort
so gut! Weil man sich schon eine Woche darauf freuen kann. Das ist doch zauberhaft.

Vielleicht hat man aber genau am Samstagabend keine Lust auf Sex. Muss man sich dann zwingen?

Heer: Man muss ja nicht Lust auf Sex haben, sondern Lust beim Sex. Wenn man sich körperlich nahe kommt, erwacht die Lust liebend gern von selbst. Das gehört zum Thema Rituale. Alle Paare haben Rituale – aber nicht alle die richtigen.

Was sind denn schlechte Rituale?

Heer: Wenn man zum Beispiel immer Krach hat bei der Heimfahrt von einem Besuch.

Dann trifft man die Vereinbarung: Ab sofort haben wir auf der Heimfahrt keinen Krach mehr. Das funktioniert wohl kaum.

Heer: So plump nicht, nein. Man muss herausfinden, wieso man immer Krach hat auf der Heimfahrt. Meistens fühlt sich der eine gedemütigt oder der andere trinkt zu viel Alkohol.

Welche positiven Rituale kann man vereinbaren, um die eigene Beziehung im neuen Jahr zu verbessern?

Heer: Jedes Paar trennt sich am Morgen. Das ist doch eine grosse Chance, sich nicht nur einen sterilen Tante-Edith-Kuss auf die Backe zu kleben. Auch Rituale vor dem Einschlafen sind zentral – zumal man ja nie weiss, ob beide noch warm sind am nächsten Morgen. Also Gelegenheit, mehr erfinderische Liebe zu investieren.

Kann man solche Rituale künstlich einpflanzen?

Heer: Nicht künstlich, kunstvoll!

Kann man das abmachen und dann funktioniert es?

Heer: Natürlich! Es ist ja gerade wertvoll, weil man es abgemacht hat! Die Spontaneität ist ein lee-
rer, zerstörerischer Mythos. Beziehungskultur ist die Fähigkeit, die Beziehung im Alltag zusammen so zu gestalten, dass die Freude aneinander aufblüht.

Wie kann man die eigene Beziehung sonst noch lebendig halten?

Heer: Der wichtigste Rohstoff für die Liebe ist Zeit. Nach der Anfangsverliebtheit verändern sich die Prioritäten schnell, besonders wenn Kinder kommen. Dann drückt der grosse Fluss des Alltags die Interessen der Beziehung an die Wand. Die meisten Paare beklagen sich, dass sie keine Zeit füreinander haben.

Ist die fehlende Zeit heute ein grösseres Problem als vor 35 Jahren, als Sie Ihre Praxis für Paartherapie eröffnet haben?

Heer: Ja. Der Wind im Berufsleben ist rauer geworden, und man muss klar mehr in den Job investieren.

Hängt die knappe Zeit auch mit höheren Anforderungen zusammen? Männer mussten früher gute Ernährer sein, Frauen gute Mütter. Heute müssen beide Ernährer, Eltern und Liebhaber gleichzeitig sein.

Heer: Für den Mann ist es anspruchsvoller geworden, mit der Frau in Frieden zu leben. Frauen haben deutlich an Selbstbewusstsein zugelegt. Männer sind darob oft verwirrt und verzweifelt. Das ist eine hoffnungsvolle Entwicklung.

Obwohl es Beziehungen schwieriger macht?

Heer: Eindeutig! Die alten versteinerten Beziehungsstrukturen weichen mehr und mehr auf. Die Männer werden hilfloser, die Frauen selbstgerechter. Vieles hat mit der Fachliteratur zu tun. Denn diese ist vor allem auf Frauen ausgerichtet. Sie sind ja die Buch-Konsumentinnen. Frauen zitieren dann plötzlich aus einem Buch und die Männer sind befremdet und ins Unrecht versetzt.

Wo prallen die Welten des hilflosen Mannes und der selbstgerechten Frau aufeinander?

Heer: Von einem Mann wird erwartet, dass er genauso dünnflüssig kommuniziert, wie das Frauen gerne tun. Männer haben aber mit der emotionalen Durchlässigkeit noch immer Mühe.

Was macht es für die Männer so schwer, über ihre Gefühle zu sprechen?

Heer: Wenn man länger zusammen ist, stauen sich die unausgesprochenen Probleme an. Doch viele wollen die Harmonie nicht stören. Dann ist es natürlich einfacher, sich vor einen Bildschirm zu setzen, als miteinander zu reden. Dabei kann man eine Beziehung mit einem Garten vergleichen: Der will gepflegt werden – auch wenn das manchmal mühsam ist. Und es braucht immer wieder mal ein wenig Mist. Sonst wächst bald nichts mehr.

Wo und wann ist es günstig, über Beziehungsprobleme zu sprechen?

Heer: Nicht am Küchentisch, wo man zu wenig Abstand hat und sich die ganze Zeit in die Augen schauen muss. Dann nerven oft schon die kleinsten Zuckungen im Gesicht des Partners. Auf einem Spaziergang gehts meist besser; die Luft ist frisch, und man bewegt sich.

Und im Bett?

Heer: Zum Problemwälzen ist das Bett definitiv ungeeignet.

Auch nicht zum Wälzen von sexuellen Problemen?

Heer: Gar nicht, nein. Überhaupt sollte man sich vor der Idee hüten, über Sex müsse man nur reden, wenn man damit Probleme hat. Die Sexualität kann aufblühen, sobald man austauscht, was gut ist beim Zusammensein. Die feinen, weichen, warmen Berührungen zum Beispiel. Genau genommen gibt es sexuelle Probleme gar nicht. Es gibt nur verpasste Chancen und unrealistische Erwartungen.

Paare, die zwei Kinder haben und zehn Jahre zusammen sind, haben wohl oft gar keinen Sex mehr.

Heer: Ja, dann hat die Natur ihr Ziel erreicht und man kann in aller Ruhe zum Golf übergehen (lacht).

Dann geht es nicht mehr lange, bis die Beziehung zerbricht.

Heer: Überhaupt nicht! Wenn ein Paar zusammen zum Schluss kommt, dass es die Sexualität nicht mehr braucht, ist das völlig in Ordnung. Dann kann es rausfinden oder auch erfinden, was die gemeinsamen Berührungspunkte sein könnten.

Zum Beispiel?

Heer: Ein gemeinsames Geschäft, ein gemeinsames Hobby.

Und was, wenn die Sexualität beiden Partnern doch wichtig ist? Wie kann man dann den Sex wieder in die Beziehung zurückholen?

Heer: Gegenfrage: Wie macht man aus einem Steinhaufen ein Feuer?

Gibt es keine Chance? Oder muss man fremdgehen?

Heer: Häufig merkt man tatsächlich erst, dass noch erotischer Brennstoff da ist, wenn einer der beiden ausserhalb der Beziehung Feuer gefangen hat. Das kann ei-
ne Beziehung so gründlich erschüttern, dass sie tatsächlich wieder anfängt, von innen zu brennen.

Damit liefern Sie ein Plädoyer für den Seitensprung!

Heer: Nein, gar nicht. Man weiss nämlich nie, was ein Feuer ausserhalb der Beziehung anrichtet. Es kann das eigene Zuhause bis auf die Grundmauern niederbrennen. Manchmal entwickelt aber eine Aussenbeziehung mehr regenerierende Kraft und Potenz als der beste Therapeut der Welt. Wenn indes überhaupt kein Interesse mehr aneinander vorhanden ist und sich das Herz überhaupt nicht mehr regt, sehe ich schwarz.

Raten Sie dann, sich zu trennen?

Heer: Nein, das mache ich nie. Meine Aufgabe ist es vielmehr, die Voraussetzungen zu schaffen, dass die beiden ausdrücken können, was sie wirklich möchten. Das kann genauso ein Beziehungsneustart sein wie eine Trennung.