Im Wechsel von Faszination und Ekel

In Nicaragua erlebt eine Bruggerin bei den Festivitäten zu Ehren des Ortsheiligen starke Gegensätze.

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Im Wechsel von Faszination und Ekel

Im Wechsel von Faszination und Ekel

Jessica Dubois

Während sich die Aktivitäten des Brugger Jugendfestes an zwei Tagen abspielen, halten die Stadtfeste in Nicaragua über einen Monat an. Jede Ortschaft hat ihren Heiligen; einmal jährlich wird zu seiner Ehre die ganze Stadt auf den Kopf gestellt. So auch Masatepe. Doch die meisten Aktivitäten werden mehr aus kultureller Tradition denn zur Heiligenverehrung durchgeführt.

Eingeläutet werden die Festspiele mit der Wahl der Miss Masatepe. Da niemand einen Briefkasten besitzt und die Zeitung zum Luxus gehört, wird die Wahl mittels Lautsprecher verkündet. Ein Auto fährt durch die Strassen und gibt alle Informationen unüberhörbar bekannt.

Diese sind jedoch nicht sehr zuverlässig, denn als ich mit meiner Kollegin an der Kasse stehe, wird ein Eintrittspreis verlangt, der doppelt so hoch ist wie angekündigt. Auch warten wir lange, bis das Programm mit eineinhalb Stunden Verspätung endlich beginnt. Darüber regt sich niemand auf, denn die Zeit wird für Klatsch und Tratsch genutzt.

Kaum Applaus zu hören

Endlich wird die Wahl eröffnet. Professionelle Tänzer bringen eine Darbietung höchster Klasse – ich bin fasziniert. Umso erstaunter bin ich, dass trotz übervoller Halle kaum Applaus zu hören ist. Selbst nach Aufforderung der Moderatoren rafft sich nur eine Handvoll zum Beifall auf.

Hingegen zeigt sich in den Darbietungen der Miss-Anwärterinnen, dass die Traditionen mit Stolz von Generation zu Generation weitergegeben werden. Doch davon kommen wir wegen der Verspätung kaum in Genuss, denn aus Sicherheitsgründen müssen wir um 21 Uhr bereits wieder zu Hause sein.

Ein Schock ...

Besonders freue ich mich auf die Hyppica, den Pferdeumzug, der eine Woche später stattfindet. In meiner Vorstellung ziehen prächtige Pferde in Reih und Glied an mir vorüber und so bin ich erstaunt über den eher chaotischen Ablauf.

Zwar sind die Pferde wunderschön und stehen im krassen Kontrast zu den mageren Arbeitstieren, denen ich auf der Strasse begegne. Doch ich bin geschockt, als ich sehe, dass die Reiter ein Bier nach dem anderen kippen und sogar den Pferden Alkohol einflössen. Die Folgen sind entsprechend: Es gibt Unfälle durch die betrunkenen Pferde und an jeder Strassenecke eine Alkoholleiche.

Das Schlimmste schaue ich mir nur kurz im Fernsehen an. Während des Stierreitens wagen sich junge Männer auf die Stiere, bis sie abgeworfen und anschliessend durch die Manege gejagt werden. Je mehr Männer dabei ums Leben kommen, desto begeisterter ist das Publikum. Ebenso wenig darf an einem Stadtfest die Jagd fehlen, bei der ein Stier durch die Strassen getrieben wird. Und auch hier gibt es wiederum nicht selten Tote.

Herzensmelodie verstummt nie

Nach dieser Ernüchterung geniesse ich die sonntäglichen Tanzdarbietungen auf den Strassen umso mehr. Eine Menschentraube schiebt sich durch die Gassen, darunter mehrere Tanzgruppen, die alle paar Meter zu den traditionellen Marimbarhythmen tanzen.

Auch Kinder beteiligen sich daran; stark geschminkt und wunderschön geschmückt machen sie dieser Tradition alle Ehre. Ich staune, wie sie der brütenden Sonne standhalten und ihre Füsse stundenlang über das heisse Pflaster schweben.

Und genau dies fasziniert mich immer wieder: Egal, wie viele Probleme die Nicaraguaner mit sich tragen, ihre Herzensmelodie scheint nie zu verstummen und der Tanz ihres Lebens nicht zu erstarren.

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