Preisgekrönt
Im Muggiotal wird die Landschaft zum Museum

Das Muggiotal wurde zur Landschaft des Jahres 2014 erkoren. Zu Recht: Das wenig bekannte Seitental im Südtessin konnte seine Ursprünglichkeit bewahren.

Gerhard Lob, Breggia
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Wunderbares Muggiotal
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Tessiner Idylle im Valle di Muggio
Tessiner Idylle im Valle di Muggio
Tessiner Idylle im Valle di Muggio

Wunderbares Muggiotal

swissimage.ch

Autobahnausfahrt Chiasso: Kurz vor der Grenze nach Italien dominieren gesichtslose Fabriken, Lärmschutzwände und Serfontana als ältestes Shopping-Center des Tessins.

Nichts lässt erahnen, dass in unmittelbarer Nähe dieses Siedlungsbreis ein einmaliges Naturspektakel beginnt. Doch gleich hinter einem Supermarkt liegt die Breggia-Schlucht, die dank ihrer Gesteinsschichten einen Einblick in über 100 Millionen Jahre Erdgeschichte gibt.

2001 wurde der «Parco delle Gole della Breggia» als erster Geopark der Schweiz eingeweiht. Mittlerweile hat man auch das hässliche Zementwerk Saceba zurückgebaut, die Umgebung renaturiert und 2012 als «Zementweg» der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Hier beginnt das Muggiotal.

Die Breggia-Schlucht verdankt ihren Namen dem Gebirgsbach Breggia, der in Italien entspringt, und dann auf Schweizer Seite durch das Muggiotal fliesst, das seinen Namen vom Dorf Muggio ableitet.

Als vor einigen Jahren die Talgemeinden zur neuen Gemeinde Breggia fusionierten, darunter Muggio, waren viele Einheimische über den Namenswechsel unglücklich.

Inzwischen hat man sich daran gewöhnt. Die beiden Weiler Casima und Monte auf der rechten Talseite gehören allerdings bis heute zu Castel San Pietro.

Eine eindrückliche Brücke verbindet Castel San Pietro und Morbio Superiore als Verwaltungssitz von Breggia. Leider erreichte die Brücke wegen zahlreicher Suizide traurige Berühmtheit und wurde entsprechend gesichert.

Das Tal erstreckt sich von der Schlucht bis zum 1700 Meter hohen Gipfel des Monte Generoso, wo an der Bergstation der Zahnradbahn die Arbeiten zu einem neuen Hotel aus der Feder von Architekt Mario Botta begonnen haben.

Just von diesem Aussichtspunkt, auch als «Rigi der Südschweiz» bekannt, lässt sich das Valle di Muggio am besten erkunden - mit einem Fussmarsch talabwärts in Richtung Roncapiano, das wie ein Schwalbennest am Südhang des Generoso klebt.

Hier endet im Übrigen die Fahrstrasse und damit auch die öffentliche Postautolinie, die sich das Tal hoch schlängelt.

Transhumanz wird noch gelebt, beispielsweise von den Eheleuten Adriano und Marisa Clericetti. Ende Mai ziehen sie mitsamt Kühen, Schafen und Ziegen für ein halbes Jahr auf die Alp Generoso. «Und das in der fünften Generation», sagen die Bergbauern stolz.

Das südlichste Tal der Schweiz war lange von Abwanderung geprägt und blieb trotz seiner Nähe zur Agglomeration Chiasso/Mendrisio selbst im unteren Teil vom Siedlungsdruck verschont. So weist es bis heute ein überraschend intaktes, kulturell wie naturräumlich vielfältiges und einzigartiges Landschaftsbild auf.

Das steile und wellige Relief der Kalkalpenausläufer ist mit Feucht- und Trockenwäldern bestockt und durchzogen von ehemaligen Terrassen und historischen Saumpfaden. Noch rund ein Dutzend Landwirtschaftsbetriebe sind aktiv, die insbesondere die berühmten Frischkäslein «Formaggini» als beliebtes Regionalprodukt herstellen.

Im Valle di Muggio begegnet man auf Schritt und Tritt Spuren der Vergangenheit, insbesondere Zeugnissen der traditionellen Bewirtschaftung dieser Bergregion. Etwa Kühlkeller, die mit Schnee aufgefüllt wurden (Nevere), um frische Milch bis zur Weiterverarbeitung zu Butter und Magerkäse aufzubewahren, aber auch Roccoli (Vogelfangtürme) und Graa (Dörrhäuser für Kastanien).

Es war die bewusste Strategie des 1980 gegründeten Regionalmuseums «Museo Etnografico della Valle di Muggio» (MEVM), durch eine Restaurierung dieser Bauten und die Anlage von Wanderwegen die Landschaft zu einer Art Freilichtmuseum zu machen – als Alternative zu einem traditionellen Heimatmuseum.

Die Ausstellungen und Dokumentationen am MEVM-Sitz in der Casa Cantoni in Cabbio sollen somit vor allem Anregungen liefern, um in die Natur auszuschwärmen.

Und genau für diesen Einsatz für eine nachhaltige Entwicklung wird das MEVM von der Stiftung Landschaftsschutz am heutigen Samstag im Beisein von Bundesrätin Doris Leuthard ausgezeichnet – als Museum im Dienste der Landschaft.