Pilot Rolf Stuber

Im Flug nach Nizza und Brüssel

Flugkapitän: Der Grenchner Rolf Stuber fliegt seit 20 Jahren für die Swissair respektive Swiss.

Pilot Rolf Stuber

Flugkapitän: Der Grenchner Rolf Stuber fliegt seit 20 Jahren für die Swissair respektive Swiss.

«Ladies and Gentlemen, this is your Captain speaking». Mit diesen Worten begrüsst der Grenchner Linienpilot Rolf Stuber seine Gäste an Bord eines Airbus der Swiss. Im Moment ist er Flugkapitän auf dem Typ A320 auf der Kurz- und Mittelstrecke. Nicht immer kommt der Tag so heraus, wie er am Morgen geplant war. Protokoll einer Europa-Rotation.

Peter Brotschi

09.25 Uhr Am Bahnhof Süd in Grenchen. Rolf Stuber besteigt den Schnellzug nach Zürich. Unterwegs studiert er in seinem Notebook die Angaben für den bevorstehenden Arbeitstag. Vorgesehen ist ein Flug von Zürich nach Nizza und anschliessend nach Wien. Der Flugkapitän sieht in den Unterlagen, welche Crew mit welchem Flugzeug mit ihm fliegen wird. Mit Genugtuung stellt er fest, dass für beide Flüge die gleiche Maschine vorgesehen ist. Zu Hause hat er schon das Wetter studiert. Nach einer schaurigen Gewitternacht zieht eine Kaltfront mit weiteren eingelagerten Gewittern über ganz Mitteleuropa hinweg, was doch eher unruhige Flüge erwarten lässt. Noch weiss Rolf Stuber nicht, dass der Tag anders als geplant herauskommen wird.

11.00 Uhr Im Operations-Center am Flughafen Zürich-Kloten beginnt die eigentliche Arbeit. Nach dem Anziehen der Uniform ruft Rolf Stuber im Computer die Flugunterlagen ab und druckt sie aus. Bald trifft auch David Heggli ein, der die Rotation als zweiter Pilot mitfliegen wird. Zusammen gehen sie die Daten wie Flugstrecke und Wetter durch. Es zeigt sich, dass das Wetter in Nizza schön ist, aber über den Hochalpen gibt es nach wie vor Gewitterherde. Anschliessend ist das Briefing mit den vier Flugbegleitern, die unter der Leitung von Maître de Cabine Vera Bösch-Leuenberger aus Untersteckholz stehen.

12.10 Uhr Die Crew wird mit einem Bus zum Flugzeug gefahren. Der Airbus 320 HB-IJS ist eben aus Genf gekommen und steht am Gate A37. Eine halbe Stunde bleibt Zeit für die Vorbereitungen in Cockpit und Kabine. Als die 152 Passagiere einsteigen - der Airbus ist bis auf den letzten Platz besetzt - ist alles bereit. Pünktlich wird der Jet vom Gate weggestossen, der Flug nach Nizza kann beginnen. Auf der Piste 28, also Richtung Westen, drückt Stuber die beiden Leistungshebel nach vorne. Ein kurzer Moment, dann werden die Bremsen gelöst. Das Flugzeug gewinnt schnell an Geschwindigkeit: «V1.... rotate!», ruft der Copilot. Mit einem leichten Ziehen am Sidestick mit seiner linken Hand lässt Rolf Stuber die rund 65 Tonnen Gewicht vom Boden abheben und himmelwärts streben. Es folgt eine Linkskurve nach Süden. Die Route führt über den Gotthard und Mailand Richtung Südfrankreich. Während des Fluges muss Rolf Stuber ein paar Mal leicht vom Kurs abweichen, damit den Gewittergebieten ausgewichen werden kann. Bald ist die Küste erreicht, der Anflug nach Nizza führt aber zuerst weit auf das Meer hinaus. Auf der Höhe von Cannes wird schliesslich in die Richtung der Piste eingedreht. Im Sonnenschein und über Antibes hinweg geht es hinunter auf die Piste.

14.20 Uhr Der Airbus setzet auf den französischen Boden auf. Nach dem Andocken und Aussteigen der Passagiere erledigen die beiden Piloten die Papiere mit den Verantwortlichen der Station Nizza, in der Kabine ist ein Putzteam an der Arbeit, auch die Flugbegleiterinnen und der Flugbegleiter haben alle Hände voll zu tun. Rolf Stuber steigt aus und macht die Aussenkontrolle am Flugzeug. Das linke Triebwerk findet sein besonderes Interesse, denn kurz vor dem Aufsetzen strich ein Schwarm Vögel vor dem Airbus durch und verschwand über dem linken Flügel aus dem Gesichtsfeld. Er will sich genau versichern, dass keiner der Vögel mit dem Triebwerk kollidiert ist. Aber alles ist in Ordnung, dem Flug zurück nach Zürich steht nichts im Wege

15.15 Uhr Start auf der Piste 22L. Nun fliegt David Heggli. Er zieht nach dem Abheben die Nase des Flugzeuges 15 Grad nach oben. Bei Cannes kommt der Wechsel der Funkfrequenz von Nizza zu Marseille, der Lotse dort wird den weiteren Verlauf des Fluges bis in die Nähe der Schweiz begleiten. Vor Cannes pflügen grosse Yachten ihre Spuren ins Meer. Der Flug ist erst zehn Minuten alt, als aus der Mittelkonsole zwischen den beiden Piloten ein Papier herauskommt. Stuber reisst den Streifen ab und liest die Information. Es ist ein Fax von der Einsatzleitstelle der Swiss in Zürich: «Wir fliegen nachher nicht nach Wien, sondern nach Brüssel», sagt er zu seinem Ersten Offizier. Der Flugkapitän informiert noch Vera Bösch über den Wechsel im Flugplan, der in Zürich auch einen Wechsel des Flugzeugs mit sich bringen wird.

16.15 Uhr Der Airbus HB-IJS steht nun am Dock A42. Die Crew verlässt die Maschine, bereits steht die neue Besatzung bereit. Rolf Stuber unterhält sich ein paar Worte lang mit seinem Kapitänskollegen, mit dem er die Militärpilotenschule absolviert hat. Es ist Moritz Gasser, ehemaliges Mitglied der Kunstturn-Nationalmannschaft und Teilnehmer an der Olympiade Los Angeles 1984. Er wird den Airbus nun nach Oslo führen.

16.30 Uhr Zurück im Operations-Center gibt es eine Pause. Zeit für ein Tasse Kaffee und einen Schwatz mit anderen Besatzungen, die am Kommen oder Gehen sind. Anschliessend sitzen Rolf Stuber und David Heggli über den neuen Unterlagen für den Flug nach Brüssel. «Dort ist das Wetter akzeptabel», hält der Flugkapitän fest. Allerdings ist der Start später als der Wien-Flug, sodass es für die Besatzung auch später Feierabend geben wird. Um 17.20 Uhr trifft sich die Besatzung wieder nach der Sicherheitskontrolle und wird mit dem Bus zum neuen Flugzeug gefahren, dem A320 HB-IJL.

18.00 Uhr Rolf Stuber informiert die Fluggäste, die vor einer Viertelstunde an Bord gekommen sind, dass der Flug bis zu einer Stunde Verspätung haben kann aufgrund des schlechten Wetters. Es ist seine Aufgabe, diese unangenehme Botschaft weiterzugeben. Er bespricht sich mit Maître de Cabine Vera Bösch. Die beiden entscheiden sich, dass das Abendessen bereits jetzt am Boden serviert wird. Gesagt und getan. Ein richtiger Entscheid, denn kaum ist abgeräumt, kommt über Funk für den Flug «Swiss 788» die erlösende Mitteilung, dass die «start up clearance» gegeben ist, also die Triebwerke laufen gelassen werden können.

18.57 Uhr Nach dem Start im völlig verregneten Zürich und dem Durchbrechen der Wolkendecke wird es eine richtig schöne Reise gegen die Abendsonne zu. In 30000 Fuss, also auf rund 9500 m ü. M., pfeilt der Airbus über Frankreich und Luxembourg nach Belgien. Ein Rückenwind von 160 m/h lässt das Flugzeug gegenüber dem Boden gut und gerne 1000 km/h schnell sein. Schon von weitem ist Brüssel in der flachen belgischen Landschaft zu erkennen. Genau über der Stadt, und wirklich genau nur über der Stadt, hängt eine grosse Wolke, aus der es regnet, der Flugplatz aber ist trocken. Nach nur 46 Minuten setzt David Heggli das Verkehrsflugzeug auf belgischem Boden auf. «So schnell war ich noch nie in Brüssel», schmunzelt er nach dem Ausrollen. Die Bodenstandzeit wird möglichst kurz gehalten. Die Landung war um 19.44 Uhr. «Den Slot für den Rückflug haben wir schon um 20.35 Uhr», gibt der Flugkapitän seiner Besatzung bekannt.

21.30 Uhr Über der Schweiz ist immer noch schlechtes Wetter. Trotz des Sommertages ist es schon fast Nacht, als sich der Airbus von Süden her dem Heimatflughafen nähert. In Zürich brennen alle Lichter, die Autobahn A1 Richtung St. Gallen ist ein einziges Lichterband. Der Regen prasselt gegen die Frontscheibe, der starke Wind ist zu spüren. Ruhig führt der Captain das Flugzeug aber auf das Lichterband der Piste 34 hinunter... aufsetzen....Schubumkehr rein....bremsen. Der Airbus schüttelt sich unter der Verzögerung, als wolle er sich vom Wasser auf seinem Rumpf befreien.

21.50 Uhr Die Crew ist zurück im Operations-Center. Verabschiedung. Rolf Stuber wirft einen Blick auf die Uhr: «Unser Zug nach Grenchen ist eben abgefahren», bedauert er. Er zieht sich in der Garderobe wieder um, die Wartezeit wird mit einem kleinen Einkauf und etwas lesen überbrückt. Um 22.43 Uhr fährt der letzte Zug im Flughafenbahnhof ein, mit dem man noch nach Grenchen kommt. Mitternacht ist vorbei, als Stuber aus dem Zug aussteigt und sich möglichst schnell zum Schlafen legt. Denn rund zwölf Stunden später wird er bereits wieder im Airbus unterwegs sein, zuerst nach Djerba in Tunesien und dann nach Genf.

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