Schützenhäuser

«Im Dorf geht etwas verloren»

Aarau: Für das Schützenhaus wurde Schutz beantragt. (alf)

Schützenhaus Aarau

Aarau: Für das Schützenhaus wurde Schutz beantragt. (alf)

Für die einen stehen sie nur für lästigen Schiesslärm. Für die anderen sind sie Zeugen einer lebendigen Tradition und eines intakten Vereinslebens oder gar wertvolle Kulturdenkmäler. Fest steht: Immer weniger Schützenhäuser sind wirklich in Betrieb.

Alois Felber

«Ja, es tut schon weh», sagt Marcel Grenacher, Präsident der Schützengesellschaft Ittenthal. Am Feldschiessen, das dieses Wochenende stattfindet, herrscht auf der idyllisch gelegenen Schiessanlage Killacker noch grosser Betrieb. Doch Ende Jahr heisst es hier «Ende Feuer». Obwohl am letzten Winterschiessen fast die Hälfte aller 220 Einwohner von Ittenthal teilnahm und die Schützengesellschaft viel Herzblut und Geld in das Häuschen investiert hat, wird die 1936 gebaute 6-Scheiben-Anlage aufgehoben.

Das Umweltschutzgesetz und die Gemeindefusion mit Kaisten haben ihr den Todesstoss versetzt. Denn künftig erhalten nur noch Anlagen Bundessubventionen, die einen künstlichen Kugelfang haben. Ein solcher hätte in Ittenthal noch geschaffen werden müssen. «Wir begreifen natürlich, dass die neue Gemeinde nur noch in eine Schiessanlage investieren will», sagt Grenacher. Aber dadurch gehe klar etwas verloren im Dorf.

Noch 123 Schiessanlagen im Aargau

Das Beispiel Ittenthal steht für eine schon lange anhaltende Entwicklung: Regionale Grossanlagen haben so manches kleine Dorfschützenhaus bereits im letzten Jahrhundert ersetzt. Ausgelöst haben dieses «Schützenhaussterben» mehrere Faktoren: Der Investitionsbedarf für moderne Anlagen, Die Lärmproblematik, die Aufgabe von Standorten für Bauland oder allgemein die rückläufige Zahl der Schiesspflichtigen. Diese ist laut dem Aargauer Kreiskommandant Oberst Rolf Stäuble seit 1985 bis heute von über 47 000 auf rund 15 000 gesunken.

Nachdem es im Jahr 2002 noch 182 Schiessanlagen für die 300-Meter-Distanz im Aargau gab, ist ihre Zahl aber auch zwischen 2004 und 2008 noch einmal von 164 auf 123 gesunken. Gemeindefusionen und der Zwang zu künstlichen Kugelfängen als Folge der Bleibelastung der Böden sind laut Stäuble Faktoren, die zusätzlich in jüngster Zeit wirkten. Obschon das ursprüngliche Stichdatum 1. November 2008 für die Kugelfänge auf 2012 bis 2020 verschoben worden sei, hätten sich einige Gemeinden eben bereits darauf eingestellt, erklärt Stäuble.

Die stillgelegten Schützenhäuser werden ganz unterschiedlich verwendet. Manche dienen als Werkzeuglager oder Museumsdepot. Andere werden als Jugendtreff oder Übungslokale genutzt, oder die Schützenstuben werden für Veranstaltungen vermietet.

Vom Sturmgewehr zur Luftpistole

In Wohlen wiederum wurde vor sechs Jahren zwar die 300-Meter-Anlage stillgelegt. Pistolen- und Armbrustschützen konnten ihren Sport dagegen weiter am angestammten Ort ausüben. «Wir mussten aber dafür kämpfen», sagt Louis Corboz, Präsident der Pistolensektion der Standschützen Wohlen. Trotzdem sei das Vereinsleben getroffen worden. Denn die 300-Meter-Sektion habe sich aufgelöst. Immerhin: Der alte 300-Meter-Stand konnte dafür einer neuen Nutzung als Luftpistolenstand zugeführt werden.

Manch anderes Schützenhaus ist derweil auch ganz verschwunden. Diesem Schicksal nur knapp entgangen ist im letzten Herbst das alte Schützenhaus im Aarauer Scheibenschachen. Das Kerngebäude der 1994 stillgelegten Anlage sollte im Zuge der Erschliessung einer der letzten Aarauer Baulandreserven abgerissen werden. Doch ein Referendum rettete das für das Eidgenössische Schützenfest von 1924 erbaute pittoreske Gebäude. Sein Erhalt wurde dabei von breiten Kreisen getragen, die bei weitem nicht nur von Schützen-Nostalgie angetrieben wurden. «Es ging darum, einen wichtigen historischen Zeitzeugen und das Identifikationsobjekt eines ganzen Quartiers zu retten», sagt Markus Jurt vom Referendumskomitee.

Denkmalschutz fürs Schützenhaus

Das Aarauer Schützenhaus soll nun sogar unter Denkmalschutz gestellt werden, wie der kantonale Denkmalpfleger Markus Sigrist bestätigt. Schutzwürdig ist es laut Sigrist unter anderem aufgrund der Bedeutung der Schützenkultur als Phänomen, das im 19. Jahrhundert absolut staatstragenden Charakter hatte. Das Aarauer Gebäude sei das erste Schützenhaus, das im Aargau unter Schutz gestellt werde. Diskutiert werde dies zurzeit aber auch für das alte Schützenhaus auf der Allmend in Baden.

Schützen wollen Haus weiter nutzen

Aber auch ohne Schutz und ohne grosse geschichtliche Bedeutung haben manche Schützenhäuschen nach ihrer Stilllegung schon erstaunlich lange überdauert. Das beweist zumindest jenes von Sisseln, das allerdings seit 1962 auch schon als profaner Kaninchenstall Verwendung fand.
Eine solche Nutzung steht in Ittenthal sicher nicht zur Diskussion. Wie Marcel Grenacher erklärt, möchte die mit Kaisten fusionierende Schützengesellschaft das der Gemeinde gehörende Haus einem Nachfolgeverein zur weiteren Nutzung für gesellige Anlässe übergeben. «Da steckt so viel Herzblut drin, dass wir es weiter pflegen möchten», ist für Grenacher klar.

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