Mirjam Arnold

Dicker Nebel liegt über den Feldern beim Bauernhof Unteres Emmenholz in Zuchwil. Hier fällt der Apfel noch weit vom Stamm: Äpfel von 220 Hochstammbäumen warten auf dem Boden in der Hostett des Hofes darauf, von den angemeldeten Schulklassen aufgehoben und zur Mostpresse gebracht zu werden. «Am Vortag war bereits eine Schulklasse da, die uns half, die Bäume zu schütteln», erklärt Tanja Thalmann, Bäuerin und Mitbesitzerin des Hofes.

Dem Aufruf des Bauernhofes folgen 13 Klassen aus Zuchwil und Umgebung, insgesamt rund 200 Schülerinnen und Schüler. Während eine Gruppe älterer Mädchen es wohl lieber dem Hochnebel gleichtun und sich langsam verziehen möchte («Die Öpfle si ja nass!»), stürzen sich vor allem die Kleinen richtiggehend auf die am Boden liegenden Früchte. Langsam füllen sich die Kesselchen, Taschen und Körbe mit dem feinen Obst. Haupsächlich Sauergrauech, Jonathan und Schneideräpfel liegen zum Aufheben bereit. Das Näherbringen der Natur ist nicht der einzige Gedanke, der hinter dieser Aktion steckt. «So viele Bäume zu bewirtschaften ist ohne Hilfe praktisch nicht machbar», sagt Thalmann. Deshalb sei man auf die Idee gekommen, Schulklassen zum Apfelpflücken einzuladen.

Anpacken müssen alle, da helfen auch faule Ausreden nicht. Als es ans Aufsammeln geht, bekunden einige ältere Mädchen plötzlich auftretende Kopf- und akute Rückenschmerzen. Oder aber sie hätten schon viele Äpfel aufgehoben und müssten nun pausieren. Auch wird ein Mädchen fast von einem Untier angefallen, das sich blitzschnell über den Apfel hermachte, den sie schon zwischen zwei Fingern eingeklemmt hatte: «Iih, do isch jo e Schnägg!» Diese Argumente können aber den Lehrer nur schlecht überzeugen, also müssen auch sie sich fügen. Die Kleinen haben allerdings keine Motivationsprobleme. «Das Einsammeln der Äpfel hat mir viel Spass gemacht», erklärt der 6-jährige Kintergärteler Adrian Kadriu aus Zuchwil. Ist der Korb gefüllt, wird er zur mobilen Packpresse gebracht. Dort werden die Äpfel zerdrückt, in spezielle Mosttücher eingepackt und ausgepresst. Gespannt beobachten die Schüler, wie der Saft aus dem groben Apfelmus herausgepresst wird und in die grosse Wanne rinnt. «Der schmeckt viel frischer als der im Laden», resümiert die Siebtklässlerin Gunilla Wallertz. Die 12-jährige ist mit ihrer Klasse aus der Freien Volksschule Solothurn auf den Bauernhof gekommen. Die Arbeit ist auch sonst nicht umsonst gewesen: Als Geschenk erhält nämlich Klasse pasteurisierten Apfelsaft.

Nebst unterschiedlicher Begeisterung variiert auch der Umgang mit den Zielobjekten: Während die Äpfel bei den älteren Jungs zu (un)bekannten Flugobkjeten anvancieren, und die gleichaltrigen Mädchen den Früchten etwas distanziert entgegentreten («Dä isch dräckig und nass, dä längi nid ah») stehen bei den jungen Schülern vor allem das sorgfältige Aufsammeln von Jonathan-Äpfeln hoch im Kurs. Die Kleinen machen sogar Wettrennen, wer als erstes sein Gefäss voll hat - auch wenn dies zur Folge hat, dass manche ihre Körbe wegen des Gewichts gar nicht mehr tragen können. Die meisten haben ihre helle Freude am Zuchwiler Mosttag, einzelne haben aber grosse Probleme: «Herr Lehrer, dä het mir e Wurm agschosse!», beklagt sich eine Oberstufenschülerin und zeigt auf den Bösewicht. Ihrem Gesichtsausdruck zufolge wurmte sie dieser Frevel auch in den nächsten Stunden noch. Trotz allem: Gefallen hat das Äpfel sammeln sicher allen Schülern - auch wenn viele wohl weiterhin den trockenen, verpackten, wurm- und schneckenlosen Äpfeln in den Lebensmittelgeschäften den Vorzug geben werden.