Rolf Flückiger
«Ihre Ehefrau ist gestorben»

In Krisenzeiten hagelt es schlechte Nachrichten. Familien den Tod eines Angehörigen mitzuteilen, gehört zu den Aufgaben der Kantonspolizei. Rolf Flückiger erzählt, wie er bei der schwierigen Aufgabe vorgeht.

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Rolf Flückiger

Rolf Flückiger

Schweiz am Sonntag

Aufgezeichnet Von Thaïs In der Smitten

«Beim ersten Mal sass ich wie auf Nadeln. Das war im ersten Jahr nach der Polizeianwärterschule vor 19 Jahren. Ich bin mit einem Fahnder von der Kriminalabteilung mitgegangen, um eine Todesnachricht zu überbringen. Der Fahnder hat geredet, und obwohl ich nichts machen musste, hatte ich feuchte Hände und einen trockenen Mund.

Es war zur Mittagszeit - den richtigen Zeitpunkt gibt es nie. Eine Frau öffnete die Türe, Küchenschürze an, eine Kochkel-le in der Hand. Sie wartete auf ihr Kind, das zum Mittagessen kommen sollte, so wie immer. Und wir mussten ihr mitteilen, dass ihr Kind tot ist. Die Frau ist in Tränen ausgebrochen. Das heulende Elend. Die Reaktion war sehr heftig. Das ging mir zwei, drei Tage lang sehr nahe.

Die Reaktionen der Angehörigen sind ganz unterschiedlich. Es kann sein, dass man die Nachricht überbringt und dann ist fünf Minuten Stille. Wir erwarten eine Reaktion, und es passiert nichts. Kein Wort, keine Reaktion, nichts. Das sind sehr lange fünf Minuten, weil wir Polizisten innerlich sehr angespannt sind. Und nach fünf Minuten kommt der Ausbruch. Die Person bricht zusammen oder rennt schreiend durch die Wohnung. Jemand redet plötzlich davon, sich umzubringen, will nicht mehr leben. Eine Welt bricht zusammen.

Ich habe aber schon ganz andere Reaktionen erlebt. Einmal ist der Angehörige ganz ruhig geblieben, als er vom Tod seines Bruders erfahren hat. Ich wurde hineingebeten: ‹Wir sind gerade am Abendessen, wollen sie auch etwas trinken?› Dann musste ich nachfragen, weil ich sehr verunsichert war: ‹Haben Sie verstanden, was ich Ihnen jetzt gesagt habe?› ‹Ja, ich habe das verstanden, aber ich hatte nie ein gutes Verhältnis zu meinem Bruder.›

Die Nachricht zu überbringen ist jedes Mal gleich schwierig, da kann und darf keine Routine hineinkommen. Wenn ich diese schwierige Aufgabe schlecht lösen würde, würde mich das umso mehr beschäftigen.

Erst wenn Feierabend ist, habe ich Zeit, nachzudenken. Da hat jeder seine Strategien, um Abstand zu gewinnen: joggen, spazieren, Musik hören. Darüber sprechen ist eine wichtige Art der Verarbeitung, mit den Arbeitskollegen oder Personen aus dem privaten Umfeld. Ich rede darüber, weil ich es nicht einfach schlucken kann.

Ich erfahre manchmal Geschichten von den Betroffenen, erfahre etwas über das Leben des Verstorbenen, über die Beziehungen, aktuelle Pläne und Hoffnungen. Das sind Dinge, die traurig machen. Auf Seite der Polizisten sind auch schon Tränen geflossen, je nachdem was man angetroffen hat. Das geht nicht spurlos an mir vorbei. Mitgefühl soll man, muss man zeigen. Aber Mitleid sollte man nicht haben, das frisst einen sonst auf.

Meist brauche ich ein paar Tage, dann ist das aber erledigt. Wenn es einen weiterhin beschäftigt, und die eigenen Bewältigungsstrategien versagen, kann man beim internen Psychologischen Dienst Unterstützung in Anspruch nehmen. Beispielsweise, wenn es Parallelen zum eigenen Leben gibt: Wenn man den Tod eines Kindes überbringt und selber ein Kind hat.

Das Überbringen einer Todesnachricht wird während der Ausbildung im Fach Polizei-Psychologie gelehrt. Ausserdem haben wir 2007 einen Leitfaden mit einer Checkliste erarbeitet. Wir bereiten uns auch mit Rollenspielen vor. Die Rollenspiele kommen aber nie an die Realität heran.

Bevor wir die Nachricht überbringen, müssen wir einiges abklären. Mein Leitsatz lautet: ‹Wenn meine Liebste gestorben wäre, was würde ich wissen wollen? Wie, wo, wann, warum, wer ist zuständig?› Nichts ist so schlimm, wie wenn man vor Ort ist, die Nachricht überbringt und keine Antworten geben kann. Die Identität des Verstorbenen muss zweifelsfrei feststehen und auch, dass wir die richtigen Angehörigen orientieren.

Dann versucht man, möglichst viel über den Nachrichtenempfänger ausfindig zu machen: Wie alt sind die Angehörigen? Bei älteren Personen ist die Gesundheit ein Thema. Eventuell informieren wir vorgängig den Hausarzt oder die Ambulanz. Soll ich einen Notfallseelsorger mitnehmen oder den Dorfpfarrer? Sind sie der deutschen Sprache mächtig, oder muss ich einen Dolmetscher mitnehmen? Eine Viertelstunde, spätestens eine halbe Stunde nach Eingang des Auftrags sollte die Patrouille aber unterwegs sein. Es ist wichtig, dass die Angehörigen die Nachricht nicht über andere Kanäle erfahren, das wäre ganz schlecht.

Wenn möglich, überbringen wir die Nachricht zu Hause. Das ist die geschützte Umgebung der Betroffenen, da fühlen sie sich sicher. Wenn es nicht anders geht, fahren wir zum Arbeitsplatz. Nie telefonieren. Das ist sehr gefährlich, da man nicht weiss, in welcher Verfassung sich das Gegenüber befindet. Am Arbeitsplatz stelle ich mich kurz beim Chef vor: ‹Wir müssen dringend mit einem Mitarbeiter reden. Es ist nichts, was die Arbeit oder die Firma betrifft.› Dann rede ich mit dem oder der Betroffenen in einem ruhigen Büro.

Die Unglücksboten

Unglücksboten, die schlechte Nachrichten überbringen müssen, gibt es nicht nur in Krisenzeiten. Wir stellen in dieser dreiteiligen Serie einen Polizisten vor, der Angehörigen die Todesnachricht überbringt; einen Arzt, der Patienten über ihre unheilbar Krankheit aufklärt, sowie einen Personalchef. Lesen Sie nächste Woche: Dominik Lütolf, Personalchef der Berner Firma Finetool, der 200 Mitarbeitern der Tochterfirma Mühlemann in Biberist künden muss. (ids)

Vor Ort nehme ich mir mit meinem Arbeitskollegen zwei, drei Minuten Zeit, mich mental vorzubereiten. Im Dienstfahrzeug melde ich mich bei der Zentrale ab, schalte den Funk aus, stelle das Natel auf lautlos und versuche, mich zu fokussieren. Man ist immer zu zweit. Der eine redet, der andere ist zur Unterstützung da, schaut zu und macht zusätzliche Abklärungen im Hintergrund, wenn die Angehörigen Fragen stellen, die man nicht sofort beantworten kann.

Wir klingeln an der Wohnungstür und stellen uns vor, mit Namen und Funktion. Ich versichere mich: ‹Sind Sie Herr Sowieso? Sind Sie der Ehemann von Frau Sowieso?› Dann frage ich, ob ich herein kommen darf, es gehe um eine persönliche Angelegenheit. In der Regel spüren die Angehörigen, dass etwas nicht gut ist. Ich habe in solchen Situationen einen anderen Tonfall, einen anderen Gesichtsausdruck, ein anderes Auftreten. Es ist eine der schwersten und unangenehmsten Aufgaben, die es für Polizisten gibt. Ich bin angespannt, weiss nicht, was ich antreffen werde, wie die Person reagieren wird.

Wenn ich sicher bin, dass ich die Person vor mir habe, dann sage ich es kurz und prägnant, mit einfachen Worten: ‹Es geht um Ihre Ehefrau. Sie hat heute einen schweren Verkehrsunfall gehabt und ist dabei gestorben.› Man muss die Dinge beim Namen nennen. Und dann abwarten. Ich versuche darauf zu achten, die Betroffenen nicht mit Informationen zu überschwemmen. Oft können sie das im ersten Moment nicht aufnehmen. Manchmal ist nichts sagen mehr wert. Das ist nicht einfach, man muss sich zurückhalten.

Wir erkundigen uns, ob wir weitere Angehörige informieren sollen. Man darf die Betroffenen in der ersten Phase nicht alleine lassen. Es wäre tragisch, wenn sich die Person danach etwas antun würde. Irgendwann müssen sie sich aber alleine damit auseinandersetzen, das kann man ihnen nicht abnehmen.

Gegen Schluss orientiere ich die Angehörigen über das weitere Vorgehen. Wir informieren, wo sich der oder die Verstorbene befindet. Wir geben ein Informationsblatt. Zuletzt hinterlasse ich meine Visitenkarte oder die Kontaktdaten des zuständigen Sachbearbeiters.

Ist der Auftrag erfüllt - in der Regel nach ein bis zwei Stunden - gehe ich mit meinem Arbeitskollegen zurück zum Dienstwagen. Gemeinsam reflek-tieren wir das Ganze kurz. Dann melden wir uns bei der Einsatzzentrale zurück und sind wieder einsatzbereit. Mit dem nächsten Auftrag - einem Einbruch, einer Sachbeschädigung oder Ruhestörung - kehren wir in den normalen Arbeitsprozess zurück.»